Zitiert: MDR – Der Rand als deutsche Mitte

Mitteldeutschland liegt im Südosten der Bundesrepublik: Geografisch passt der Name für das MDR-Sendegebiet also nicht – und auch sonst stimmt einiges nicht mit ihm. Dennoch wurde vor 100 Jahren in Leipzig genau dieses Gebiet zur Mitte erklärt. Wieso liegt Mitteldeutschland eigentlich ausgerechnet im Osten? Schon die Frage lässt erahnen, dass eine Antwort weniger harmlos ist, als es der geografische Begriff erscheint. …

Einen wesentlichen Beitrag leistete der Geograf Albrecht Penck vor 100 Jahren: Im März 1921 erklärte er bei einem Vortrag in der Leipziger Neuen Börse die Stadt an der Pleiße zum wirtschaftlichen Zentrum Mitteldeutschlands: Sie sei als „Verkehrsknotenpunkt” gerade dann wichtig geworden, „als der Nordosten Deutschlands dem Deutschtum wiedergewonnen worden war” — also ab dem 10. Jahrhundert Saale und Elbe von ostfränkisch-deutschenTruppen überschritten wurden. …

Allerdings verwendete die SED die Bezeichnung „Mitteldeutschland” nicht, denn im Westen, wo man Teile Polens lange nicht „aufgeben” wollte, war sie zum Synonym für die DDR geworden. Mitverantwortlich für die Wiedereinführung des Namens nach dem Mauerfall waren daher westdeutsche Eliten, die dort Führungspositionen übernahmen. Dass er nach der endgültigen Anerkennung der deutschen Ostgrenze schon nach den Himmelsrichtungen nicht stimmt, ignorierte man. Ohne Anerkennung der historischen Brüche wird also auch weiter am Mythos eines homogene mitteldeutschen Kulturraums gestrickt. … Es gibt eben keine „Geschichte Mitteldeutschlands”, auch wenn es der MDR gern so nennt. Die Kreuzung von A4 und A9 markiert nicht die Zentralregion Europas.

„Mitteldeutschland” scheint gesetzt, dank des Senders. Das erschwert die tiefere Auseinandersetzung mit den Regionen — zu sehr müht man sich, „Mitteldeutschland” mit Bewusstsein und Identität zu füllen; Inkonsistenzen werden gern ausgeklammert. Auch die eigene Namensgebung der Rundfunkanstalt wird kaum thematisiert: Sie bezieht sich auf die Mitteldeutsche Rundfunk AG als Vorgänger. Dort fand etwa mit dem Ausstrahlungsverbot von Kurt Weills „Berliner Requiem” 1929 die erste Kunstzensur der Rundfunkgeschichte statt — von der Instrumentalisierung des Begriffs in NS-Medien ganz zu schweigen.

Stattdessen beschwört der MDR in seinen Geschichtsstunden die „historische Größe der Landschaft” und nennt sein dazugehöriges Magazin ausgerechnet „Barbarossa”. Für völkische Akteure klingt das angenehm. ….

Die Mitte ist auch hier am Rand gelandet. Besser also nennt man die Bundesländer bei ihren Namen oder spricht von den einzelnen Regionen. Das wird auch den lokalen Besonderheiten gerechter.

Tobias Prüwer, Freie Presse, 13.03.2021, S. 30 (Paid)

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