Dokumentiert: Die Quote ist der ausgelöschte Mensch

„Der Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens schreibt in seinem Vorwort zu den Dokumentationen, die in der TV-Saison 2013/14 in der ARD zu sehen sind: „Wir wollen unseren aktuellen wie historischen Hochglanz-Dokumentationen, unseren investigativen Reportagen und Hintergrundberichten den Sendeplatz geben, auf dem sie ein größtmögliches, interessiertes Publikum erreichen. Und das ist leider nur in den seltensten Fällen um 20.15 Uhr der Fall, wenn in den Programmen unserer öffentlich-rechtlichen wie privaten Mitbewerber attraktive Filme oder Unterhaltungsshows laufen. Außerdem wollen viele nach der ‘Tagesschau’ erst mal entspannen, bevor sie sich wieder anspruchsvolleren Themen widmen.“ Das ist der Sound der Marktkonformen, der wehleidig klingt und greint, ach, gerne wären wir Marktrebellen, wenn uns die fiesen Wettbewerber nur ließen. Und: Was, bitte schön, ist eine „Hochglanz-Dokumentation“?

 

Mit welcher Seife wird Wirklichkeit hier gewaschen und mit welcher Politur gewachst? Kann eine Dokumentation nicht auch „attraktiv“ oder „unterhaltend“ sein? Darf der Programmdirektor eines öffentlich-rechtlichen Senders seine eigene Programmidentität nach den Programmschemata eines privaten Konkurrenten ausrichten? Kann der Zuschauer nur entspannen, wenn das Programm gleich nach der „Tagesschau“ Ansprüche aufgibt, wenn es nicht zu anspruchsvoll ist?

 

Im selben Vorwort lässt der Programmdirektor ein wenig später verlauten: „Weil Quoten nichts anderes als ein Synonym für Menschen sind, für aufmerksames, interessiertes Publikum.“ Was, fragen wir uns, ist ein Synonym? Ein Synonym ist ein bedeutungsähnliches oder bedeutungsgleiches Wort. Streichholz ist ein Synonym für Zündholz. Orange ist ein Synonym für Apfelsine. Aber die Quote ist weder ein partielles noch ein striktes Synonym für den oder die „Menschen“. Wir bilden den Satz: „Menschen küssen sich und haben Sex.“ Wir ersetzen das Wort „Mensch“ durch sein angebliches Synonym „Quote“. Dann lautet der Satz so: „Quoten küssen sich und haben Sex.“ Darunter kann und will ich mir nichts vorstellen – auch wenn mancher Programmdirektor oder Redakteur seine Quote gelegentlich wohl gerne umarmen oder küssen würde. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss den Menschen, den Zuschauer und die „Quote“ nicht als Synonyme denken, sondern vielmehr als Antonyme, also Wörter entgegengesetzter Bedeutung. Die Quote ist der ausgelöschte Mensch. Die Quote ist die Zahl, die jede individuelle Rezeption verschluckt, die Quote ist eine Messgröße, die den einzelnen Menschen hinter sich lassen muss, um zu sich selbst zu finden, zu einer Größe, die den Markt beschreibt, den Marktanteil, den Wert der an die Werbeindustrie zu veräußernden Zeit.

 

Der Programmdirektor würde mir nun sicherlich entgegnen, er, man, die ARD, denke Quote und Qualität stets zusammen, man denke zuerst an Qualität, dann an die Quote, ja, die Qualität sei der Königsweg zur Quote, die wohldurchdachte Balance zwischen Qualität und Quote sei letztlich der Markenkern und die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Systems. Doch solche Sätze bleiben lediglich Wortspiele, wenn man das eigene Programm nach Quotenerwartung formatiert und strukturiert und wenn man die eigenen Sendungen im kreativen Prozess prospektiv an die Quote fesselt.“

 

Torsten Körner in Funkkorrespondenz, 13/2014, S. 10

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