Kinderkanal im Prozess: Überforderung, Arbeitsfrust, Spielsucht, öffentlich-rechtliche Kompensationsgeschäfte

Gestern war in Erfurt der erste Verhandlungstag im Kika-Betrugsprozess. „Notorische Spielsucht. Frust auf der Arbeit. Verdrängung als Lebenskunst. Drei Probleme, die viele Menschen plagen. Für den früheren Herstellungsleiter des Kinderkanals von ARD und ZDF jedoch, für Marco K., waren diese psychischen Hypotheken die Ursachen für den bislang größten Millionenbetrug im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, so die Sächsische Zeitung. „An jeden Einzelfall könne er sich nicht mehr erinnern. Aber die Vorwürfe seien vollumfänglich zutreffend.“

Von den Scheingeschäften „habe außer ihm niemand gewusst. Diejenigen, die die Rechnungen gegengezeichnet hätten, hätten sie nicht prüfen können“, vermeldet mediabiz.

 

 

„Er habe sich überfordert gefühlt, den Betrieb fast im Alleingang aufzubauen und sei in wichtige Entscheidungen dennoch nicht eingebunden worden“, berichtet der Branchendienst DWDL.

Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung des Programmes habe er als Herstellungsleiter nicht besessen, er hatte „die Wünsche der Programmverantwortlichen umzusetzen. Seine betriebsorganisatorischen Bedenken seien ignoriert worden, in Verträge und Entscheidungen sei er nicht eingebunden gewesen, habe aber dann die Ergebnisse passend machen müssen“, vermeldet digitalfernsehen.de.

„Jeder Redaktionsleiter“, heißt es in der Sächsischen Zeitung, „sei nur auf seinen Vorteil bedacht, das Arbeitsklima alles andere als kreativ gewesen.“

„Das Klima sei rau, der Umgang brutal gewesen. Zudem hätten praxisferne Vorschriften des federführenden MDR die Arbeit erschwert“, stellt die taz fest.

Die Vorwürfe seien „vollinhaltlich zutreffend“, so sein Geständnis laut Tagesspiegel. Er und der damalige Geschäftsführer der Berliner Filmfirma seien die einzigen Beteiligten an den Machenschaften. Ausgangspunkt sei gewesen, dass die Firma den Auftrag für eine Sendung des Kinderkanals verlor. Der damalige Kika-Geschäftsführer habe Marco K. deshalb aufgefordert, den Auftragsverlust „sozial verträglich abzufedern“.

Er sollte im Jahre 2002 „der Firma Kopp-Film aus einer Zwickmühle helfen. Das Weihnachtsprogramm um Beutholomäus geht an eine andere Firma, Kopp-Film verliert etwa 800.000 Euro Produktionsvolumen. Marco K. möge die Einbußen mit Aufträgen ausgleichen, wird ihm angeblich gesagt“, schildert die Thüringer Allgemeine. Er kommt dem nach, dabei entsteht die Idee, Scheinrechnungen für fingierte Aufträge zu stellen und das Geld zu teilen. (Der Beutholomäus-Auftrag ging übrigens an eine Firma, in der ein früherer Kika-Geschäftsführer an der Spitze stand und steht.)

Der Kika-Programmgeschäftsführer habe Marco K. gewisse Rechenkünste abverlangt, ihm zugleich locker freie Hand gelassen, so die Thüringer Allgemeine.

„Er selbst habe sich in das Gefühl gerettet, dem Kinderkanal keinen Schaden zuzufügen, weil der ehemalige Programmgeschäftsführer Frank Beckmann ihn einmal aufgefordert habe, das gesamte KiKa-Budget auszuschöpfen“, heißt es in der taz. Man habe ansonsten Kürzungen befürchtet.

„Als 2008 der langjährige Kika-Chef Frank Beckmann zum Norddeutschen Rundfunk wechselt, fragt der MDR-Fernsehdirektor auch Marco K., ob er in diese Position rücken möchte. ARD und ZDF einigen sich dann auf Steffen Kottkamp, mit dem Marco K. gut arbeitet“, berichtet die Thüringer Alllgemeine. „Ein weiterer, mit dem Angeklagten befreundeter Mitarbeiter sagte aus, dass Kirchhof sehr enttäuscht gewesen sei, dass dieser nach dem Weggang von Beckmann im Jahr 2008 nicht Programmgeschäftsführer geworden sei. Der Angeklagte selbst hatte das zuvor bestritten“, erklärt die Sächsische Zeitung.

Ute Rang zeigt sich verwundert, dass im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Auftragsverluste – zumindest im Einzelfall – sozialverträglich abgefedert werden. Sie stellt nach dem ersten Prozesstag fest, dass die Verteidigung offenbar zeigen will, „wie stark die Spielsucht das Leben von Marco K. bestimmte und dass sie womöglich zu verminderter Steuerungsfähigkeit führte.“

Es berichten weiterhin SPIEGEL, WELT und BILD. Das Hamburger Abendblatt hatte vorab noch einmal darauf hingewiesen, dass man von der Spielleidenschaft des damaligen Herstellungsleiters „auch beim Ki.Ka gewusst haben“ soll. „Beckmann, der inzwischen Fernsehdirektor des NDR ist, soll von einem Mitarbeiter auf die Probleme des Herstellungsleiters hingewiesen worden sein. Er habe diesen Hinweis aber nicht ernst genommen.“

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Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
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