MDR-Jugendkanal? Wie eine falsche Überschrift viele Artikel nach sich zieht

 

War es Absicht von Hans-Peter Siebenhaar? Wählte er die Überschrift bewusst so, um dafür zu sorgen, dass das Handelsblatt von vielen anderen Zeitungen – möglichst mehrmals – zitiert wird. Schließlich ist er Medienjournalist. Ihm war mit Sicherheit klar, dass die Überschrift „MDR plant Jugendkanal“ weder die Realität beschreibt, noch aus den Zitaten von MDR-Intendantin Karola Wille abzuleiten ist. Zudem wurde der Jugendkanal in den letzten Jahren nicht nur vom BR und dem SWR unterstützt.

 

Der Vorgänger von Karola Wille, Udo Reiter, hatte sich immer wieder neben Fritz Raff und Peter Boudgoustfür einen Jugendkanal ausgesprochen. Und auch Karola Wille äußerte sich nicht erstmals dahingehend. Schon im Oktober letzten Jahres, im Rahmen ihrer Kandidatur als Intendantin sprach sie die Frage eines Jugendkanals an.

„Eine weitere Herausforderung für den MDR ist die Bewältigung des Generationenabrisses. In der jungen Generation ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht mehr selbstverständlich. … Diese grundsätzliche strategische Aufgabe ist nach meiner festen Überzeugung nicht allein durch den MDR zu bewältigen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gibt das durch den KiKa gewonnene Publikum an die privaten Veranstalter ab, sobald es ein jugendliches Alter erreicht hat. Die Medienforscher liefern auch keinen Beweis dafür, dass im Alter von 40 Jahren die Zuschauer zur ARD zurückkehren. Warum soll das, was beim Kinderkanal möglich war, nicht auch bei einem Jugendprogramm funktionieren? Ein gemeinsamer Jugendkanal wäre m. E. ressourcenschonend und medienpolitisch klug.“

Ähnliches war von ihr immer wieder zu hören: bei den Gesprächen in den Landtagsfraktionen und den Landesmedienanstalten wie auch auf Podien zu Medientagen.

„Angriff auf die Jugend: Der MDR plant einen Jugendkanal für die ARD“, titelte nun der Spiegel. „Wir wollen den Privaten nicht das junge Publikum überlassen. Ein Jugendkanal könnte ein Weg sein, die Lücke zwischen Kinderkanal und unseren anderen Kanälen zu schließen“, zitierte die WELT. Der Jugendkanal müsse trimedial sein, stellten Kress und Thüringer Allgemeine dar, die auch darauf verwies, dass dem „MDR, aber auch der ARD ein Generationsabriss drohe“.

Erst am Dienstag, nach den vielen Berichten, „korrigierte“ der MDR die Überschrift. „Wir planen nicht, einen eigenen Jugendkanal für die ARD zu entwickeln, sondern unterstützen das Vorhaben des Südwestrundfunks, den Digitalsender EinsPlus umzubauen“, so MDR-Sprecher Walter Kehr gegenüber dapd in Leipzig.

Und der SWR nahm diesen Ball auf. Die ARD solle einen Jugendkanal nur in Zusammenarbeit mit dem ZDF gründen, so der der Sprecher des SWR, Wolfgang Utz: „Es ist nur machbar mit dem ZDF.“ Nach seinen Angaben würde ein Jugendkanal nicht zusätzlich geschaffen, sondern anstelle eines der vorhandenen Digitalkanäle. Auch das ZDF zeigte sich erst einmal nicht gegenüber dem neuen Angebot abgeneigt. ZDF-Sprecher Jörg Berendsmeier sagte am Dienstag: „Wir sind immer offen für Gespräche und hören uns alles an.“

Würde aus den Gesprächen ein ARD-ZDF-Jugendkanal folgen, würde dies nicht nur früheren Vorschlägen aus der ARD, sondern auch aktuellen Ideen des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck entsprechen, der die Medienpolitik der Ministerpräsidenten koordiniert.

Nach Angaben von WDR-Intendantin Monika Piel, die derzeit auch ARD-Vorsitzende ist, plant die ARD derzeit keinen eigenen Jugendkanal. An der Beschlusslage habe sich nichts geändert. Wenn überhaupt, dann werde an einen „jungen Kanal“ gedacht, sagte die ARD-Vorsitzende laut epd nach einer Intendantensitzung in Schwerin. Im Juli werde es Gespräche über die Zukunft der Digitalkanäle mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) und dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck (SPD), geben.

„Was die Senderchefs von MDR, SWR und WDR trotz unterschiedlicher Ansätze begriffen haben: Die ARD muss weg von einem Fernsehsystem für Junior und Senior und hin zu einem Angebotskartell für alle Altersgruppen. Wie sonst ließe sich eine Rundfunkgebühr rechtfertigen, bei deren Erhebung die Schraube 2013 nochmals angezogen wird?“ So Dietmar Huber im Tagesspiegel am Mittwoch (!).

Ist diese Berichterstattung Zufall oder Plan? Wurden wir hier Zeuge einer strategischen Öffentlichkeitsarbeit, wie es Peter Stawowy auf Flurfunk Dresden vermutet? „Die zweite Interpretationsmöglichkeit, die uns wesentlich realistischer erscheint: Wille bekommt mit der Geschichte bundesweite Aufmerksamkeit. Ein geschickter Schachzug der Kommunikationsabteilung, genauer: des neuen Chefkommunikators Walter Kehr.“

 

 

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