Zitiert: 1972 war die Bundesrepublik besonders aufgewühlt

Der Streit um die von Willy Brandt, dem ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler, und seinem liberalen Außenminister Walter Scheel vorangetriebene “Ostpolitik” strebte seiner Entscheidung entgegen. Die 1970 mit den kommunistischen Regierungen in Moskau und Warschau geschlossenen Verträge sollten endlich vom Bundestag ratifiziert werden. … Darum gab es Diskussionen in der bundesdeutschen Gesellschaft, deren Schärfe bis in die Familien reichte. Niemand sprach damals von “Spaltung der Gesellschaft”, doch war viel Unversöhnlichkeit zu spüren zwischen Befürwortern und Gegnern der “Ostpolitik”. Die ohnehin knappe Mehrheit der sozialliberalen Regierung schmolz in den Wochen vor dem Ratifizierungstermin am 17. Mai 1972 durch spektakuläre Übertritte von Abgeordneten beider Regierungsfraktionen zur Union so zusammen, dass ein “konstruktives Misstrauensvotum” nach den Vorgaben des Grundgesetzes möglich zu sein schien: Abwahl des Kanzlers durch Neuwahl eines neuen Kanzlers. Dies scheiterte am 27. April 1972 zur allgemeinen Überraschung durch Abweichler in der Union …

Was für eine Dramatik: Zwanzig Monate Dauerstreit im Land, Austritte aus den Regierungsparteien, Abweichler bei der Opposition, alles knapp, alles am seidenen Faden. Die Rettung von Brandt und Scheel hing an zwei Stimmen.

Gustav Seibt, sueddeutsche.de, 29.01.2022 (online)

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Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
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Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)