Zitiert: Als ob Nachdenken Folter bedeutet

Die Sender gebärden sich, als hätten sie es mit einer Nation von Hilfsschülern zu tun, für die Nachdenken nichts als Folter bedeutet. Ein Programm, das ihnen auch nur eine Spur von Konzentration abverlangt, scheint verloren. Weltnachrichten in drei Minuten, das ist mehr als genug. Die Wetterberichte dürfen um so länger sein, die interessieren die Leute. Dazu Verkehrsmeldungen, Stauwarnungen, Pollenflugreporte, das ist Lebenshilfe, das erhöht unauffällig den Wortanteil und verdirbt nichts.

Oft höre ich, wie jemand interviewt wird und wie der Interviewer dem Jemand immer dann das Wort abschneidet, wenn der sich in eine Sache vertiefen will; wie immer dann die Zeit drängt, wenn es aufregend werden könnte; wie der Interviewer eine Frage stellt und dringlich anfügt, er bitte um eine knappe Antwort.

Und warum? Nicht, weil noch andere Erörterungen angestellt werden sollen, weil der Interviewer etwa einen neuen Aspekt ins Gespräch bringen möchte, sondern weil die Zuhörer nach Musik lechzen.

Jurek Becker: Die Worte verschwinden, Spiegel 2/1995, S. 160 (online)

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Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
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Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)