Eine wichtige Funktion des ÖRR wäre es, das hochwertige Material für solche Gemeinschaftserlebnisse zu bieten, und zwar mit einer Attraktivität, die es auch jenseits der Fußball-WM möglich macht, dass man auf Leute trifft, die am Vorabend das Gleiche geschaut haben wie man selbst. Mehr noch: der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte sich als Produzent von Geschichten verstehen, mit denen wir die großen Fragen und Herausforderungen unserer Zeit und unserer Gesellschaft in ihrer Komplexität diskutieren können, ohne dass wir uns sogleich über diesen oder jenen Fakt zerstreiten. Serien wie „Sloborn“ über eine fiktive Pandemic oder „Der Informant“ über die Frage, wie der Terrorismus -Verdacht selbst Terror mit hervorbringen kann, zeigen, dass der ÖRR das sogar schon kann.
Man fragt sich, warum solche Formate heute nicht im Hauptprogramm zur besten Sendezeit, sondern in Sparten und Nischensendern oder im Spätprogramm laufen. Solche großen, zugleich spannenden und ergreifenden Produktionen, die der Vielschichtigkeit der Probleme nicht aus dem Weg gehen, die sind die Chance für den ÖRR, von allen, die ihn heute ablehnen und kritisieren, als notwendig und sinnvoll akzeptiert zu werden. Verzichten kann der ÖRR hingegen auf alle Formate, die letztlich die Gesellschaft auseinandertreiben, allen voran die politischen Talkshows, in denen Unversöhnlichkeit und Zerrissenheit genüsslich inszeniert werden, anstatt dass man versucht, Verwandtschaften und Verbindungen von weit entfernten Standpunkten zutage zu fördern.
Jörg Phil Friedrich, welt.de, 06.11.2024 (online, paid)