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Zitiert: Liveticker bietet bei Schach-WM Mehrwert

Das Livetickerwesen des Onlinejournalismus ist in vielerlei anderer Hinsicht eine Pest. Ich halte es für sagenhaft unseriös, über nicht abgeschlossene und für viele Menschen existenzielle Ereignisse – Amok, Terror, Unglücke sind dazu zu zählen – in Echtzeit zu berichten. Die Berichterstattung über den Amoklauf von Newtown 2012, den Anschlag auf den Boston-Marathon 2013 oder über den Absturz der Germanwings-Maschine 2015 sind Beispiele für meines Erachtens in die Hose gegangenen Echtzeitjournalismus, die in ihrer exzessiven und nicht etwa auf Sicherheitshinweise beschränkten Form nicht nur niemand brauchte, sondern alle, die sie verfolgten, zwischenzeitlich auch auf einen falschen Stand brachte.

Aber die Schach-Liveticker – wobei jener von Stefan Kindermann auf den Onlineseiten der SZ meines Erachtens hervorzuheben ist – sind etwas anderes.

Unterhaltende begrenzte Ereignisse, die, einer Krimigeschichte ähnlich, auf eine Auflösung zusteuern, kann man mit einem Live-Format ohnehin sinnvoller begleiten als etwa Katastrophen und reale Verbrechen. Aber für Ereignisse wie den Eurovision Song-Contest oder Fußball-Bundesligaspiele gibt es Formen, die sich noch besser eignen als ein Echtzeitblog: die Übertragung von Fernsehbildern oder Tönen, zum Beispiel. Für die Schach-Berichterstattung dagegen ist der optisch reduzierte, ablenkungs- und geschwätzfreie Liveticker mit angeschlossener Spielbrett-Draufsicht womöglich die ideale journalistische Form. Vielleicht ist er sogar ausschließlich dafür die ideale Form.

 

Klaus Raab, MDR-Altpapier, 28.11.2018 (online)

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