Na ja, ich will hier keine komplette Politikverdrossenheit schüren, aber das Problem an der Parteiendemokratie ist, dass sie einen bestimmten Politikertyp fördert. Man muss die Ochsentour machen, um an die Spitze einer Partei zu kommen, und die Eigenschaften, die da gefragt sind, bewegen sich zwischen der Fähigkeit, seinen Ellbogen zu benutzen und der, sich enorm anzupassen und zu verbiegen. Wir tun ja immer so, als sei die Parteiendemokratie die einzige mögliche. Schon Karl Jaspers, der wirklich kein Linker war, sah die Gefahr einer Parteienoligarchie kommen. Die Tatsache, dass so viele meiner Freunde sagen, sie wüssten nicht mehr, wen sie wählen sollen, ist für mich ein Symptom. Eigentlich müsste man darüber nachdenken, wie unsere Demokratie in Richtung deliberativer Modelle erfrischt und erneuert werden kann. Aber – ich spreche aus Erfahrung – das gilt dann als Angriff auf die Demokratie, während es in Wirklichkeit ihre Verteidigung ist. […]
Es geht nicht darum, recht zu haben, sondern darum, die eigene Perspektive infrage zu stellen und aufzulösen und den Versuch zu unternehmen, die Perspektive des anderen zu verstehen. Das nennt man Denken. Die Dinge in ihrer Geschichtlichkeit und in ihrem Widerspruch zu begreifen.
Eugen Ruge, berliner-zeitung.de, 28.02.2025 (online)