Zitiert: Wer um Verzeihung bittet, will meistens nur Ruhe

Merkel, Spahn, Laschet – sie alle tun es: Sie bitten um Verzeihung. Was hat die auffällige Konjunktur des Verzeihens mit Wutausbrüchen und Ekelattacken zu tun? …. Beim Gebrauch von derlei Demutsgesten wird jedoch unterschlagen, dass das Wort Verzeihung in einem ursprünglichen Zusammenhang mit dem Zeihen steht. Es stammt aus dem Althochdeutschen und kennzeichnet den Vorgang der Bezichtigung und Beschuldigung. Die heutige Bedeutung des Wortes Verzeihung entstand im 15. Jahrhundert aus der rechtssprachlichen Verwendung, der zufolge auf einen Anspruch auf Wiedergutmachung verzichtet wurde. In der Bitte um Verzeihung wird um die Unterlassung von Vergeltung gebeten, die nicht selten tödlich endete oder zumindest die existenzielle Vernichtung zur Folge hatte.

Wer sich wortreich bedankt oder um Verzeihung bittet, baut darauf, danach wieder quitt zu sein. In der gegenwärtigen Gefühlskultur deutet einiges darauf hin, dass der auffällige Durchbruch von Affekten in dem Maße zum Zuge kommt, wie die Begleichung einer Schuld zur rhetorischen Floskel verkommen ist.

Harry Nutt, Berliner Zeitung, 04.01.2021 (online)

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