Wir leben in einer Gesellschaft, in der Kontrolle zum obersten Hobby geworden ist. Aber ich bin schlecht im Gehorchen; ich möchte meine Sachen selbst denken. So habe ich den ORF über viele Jahre erlebt – als einen Ort voller wunderbarer Menschen, die selbst dachten. Diese Freiheit schwindet. Heute höre ich aus allen Institutionen – ob Burgtheater, Gerichte oder Schulen – das Gleiche. Wenn ich den ORF kritisiere, wird mir oft ORF-Bashing vorgeworfen. Man sagt, ich würde den Rechten in die Hände spielen, die den Sender ohnehin abschaffen wollen. Aber das ist falsch. Ich bin die Erste, die sagt: Der ORF muss bleiben! Aber er muss seine öffentlich-rechtliche journalistische Verpflichtung wieder ernst nehmen und sich gegen jede politische Intervention zur Wehr setzen. Das betrifft auch die Personalpolitik. Eine grundlegende Reform ist nötig. Denn Demokratie braucht unabhängigen Journalismus. […]
Der Erfolg meiner Sendung beruhte genau darauf: Menschen haben mir geschrieben, dass sie im Auto auf dem Parkplatz sitzen geblieben sind, um die Stunde zu Ende zu hören. Dass sie sich Sendungen dreimal angehört haben. Das Publikum will nachdenken und mitdenken. Es gibt keinen Grund, warum ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk dieses Auditorium nicht mehr versorgen sollte. Die Leute suchen Tiefe, und das sieht man auch am Erfolg von klugen Podcasts. Die Sendung Im Gespräch hat das über Jahrzehnte geboten. Das Format bleibt zwar bestehen, aber die methodische Haltung der Journalisten ändert sich gerade.
Renata Schmidtkunz, derstandard.at, 06.03.2026 (online)

