„Die Kraft des Dokumentarischen“ ohne „lindernden Kommentator“

Diemuth Roether beschreibt „Ein Hörspiel und seine Folgen“ – im Jahr 1968: „Zu den medienhistorischen Anekdoten, die zeigen, wie aufgeheizt das gesellschaftliche Klima in den Jahren um 1968 war, gehört die Rezeptionsgeschichte des Hörspiels „Die Falle“ von Peter O. Chotjewitz, das der Süddeutsche Rundfunk (SDR) am 29. Januar 1969 sendete. In „Die Falle – oder: die Studenten sind nicht an allem schuld“ hatte Chotjewitz dokumentarisches Material des Jahres 1968 bearbeitet und collagiert. Es waren, wohlgemerkt, keine Original-Tondokumente, alle Zitate – Äußerungen von Politikern, Richtern, Studenten und auch von Bürgern, die die Demonstrationen beobachteten – wurden von Schauspielern nachgesprochen. Diese agierten jedoch so natürlich, dass sie sehr lebensecht wirkten. …

Die Mehrheit des Rundfunkrats lehnt das Stück ab, aber die gleiche Mehrheit ist auch der Meinung, man müsse auf die Barrikaden gehen, um die Freiheit der Sendung eines solchen Stückes zu wahren.“ Die Meinungsfreiheit war noch einmal gerettet.

Heute gilt das Stück, das wegen dieser Affäre Hörspielgeschichte schrieb, auch als wegweisendes Beispiel für das dokumentarische Hörspiel. Chotjewitz schrieb im Rückblick, die Ausstrahlung der „Falle“ habe „damals ein politisches Beben und Bibbern ausgelöst, das ich nicht vorhersehen konnte, da ich nicht wusste, wie klein die Demokratie und wie groß der Kadergehorsam der politischen Erfüllungsgehilfen schon wieder waren“.

Es war wohl das Dokumentarische, was die Zeitgenossen damals so aufregte. Peter Faecke, seinerzeit Redakteur der Abteilung Kultur und Wissenschaft im WDR, schrieb 1969, das Stück habe nicht so sehr deswegen Ärger erregt, weil der Autor seine Tendenz zu deutlich habe werden lassen, „sondern vielmehr, weil wir kaum noch gewohnt sind, Dokumente präsentiert zu bekommen“. Fast immer sei zwischen ihnen und den Hörern „der lindernde Kommentator, lindernd deswegen, weil wir ihm zustimmen oder weil wir ihn ablehnen können“. Schwierig werde es, wenn die Hörer dem Material gegenüber selbst Stellung beziehen müssten.

Auf den „lindernden Kommentator“, der die Hörer und Zuschauer an die Hand nimmt, verzichten die öffentlich-rechtlichen Feature- und Dokumentarfilm-Redaktionen bis heute ungern. Einzig  im Minderheitenprogramm Hörspiel traut man den Hörern inzwischen mehr ungefiltert Dokumentarisches zu.”

 

Epdmedien 25/2018, S. 2

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