DLM-Symposium 2010

Berlin, 10.03.2010

Wie viel Qualität wollen wir uns leisten?

Dieser Frage ging das Symposium der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, das alljährlich in Berlin stattfindet, in seiner jüngsten Ausgabe nach. Hintergrund ist die Debatte um Nachrichten und publizistische Qualität im Privatfernsehen, das durch Werbeverluste und die Konkurrenz des Internets mehr und mehr unter Druck gerät. Aktueller Anlass für die Aufregung sind die seit November letzten Jahres immer wieder laut geäußerten Überlegungen von Thomas Ebeling, Chef von ProSiebenSAT1, zur Zukunft des Nachrichtensenders N24 und zu Sinn und Finanzierbarkeit von Informationsangeboten im Privat-TV schlechthin. Ebeling will N 24 verkaufen und auch bei den Nachrichtensendungen von ProSieben, SAT.1 und Kabel1 sparen.

 

 

In seinem Eröffnungsvortrag „Die Anforderungen an den privaten Rundfunk“ richtete Thomas Langheinrich, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, denn auch mahnende Worte in Richtung privater Rundfunk. Wie er reagieren die deutschen Medienregulierer insgesamt verstimmt auf Ebelings Sicht der Dinge. Sie wollen Informationssendungen als eigenständige publizistische Leistung einfordern, wie aus einem Positionspapier der DLM hervorgeht, auf das Langheinrich in seinem Vortrag verwies. Bislang setzt die Medienregulierung darin als einen ersten Schritt allerdings auf eine Selbstverpflichtung der privaten Veranstalter.

Thomas Ebeling (links) im Gespräch mit Hans-Jürgen Jakobs

 

Wie immun Ebeling indes gegen Kritik an seiner Haltung zu Nachrichten ist, wurde im Gespräch mit Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur sueddeutsche.de deutlich. „Wir wollen uns dieser Verantwortung nicht entziehen. Die ganze Diskussion geht darum, ob ein Sender, der ein Prozent Marktanteil macht – wie viel Verlust muss man als Sendergruppe für so einen Sender akzeptieren? Selbst wenn wir restrukturieren, werden Nachrichten für uns ein Zusatzgeschäft bleiben. Wir investieren also schon in Nachrichten. Und jetzt ist doch die Frage, müssen wir 20 Millionen Verlust machen oder verlangt man von uns 40 Millionen Verlust zu machen, nur damit der publizistischen Aufgabe Gerechtigkeit getan wird“, brachte Ebeling seine Position auf den Punkt, um gelassen und in erfreulicher Deutlichkeit nachzulegen: „Auch wenn ich mehr Geld hätte, würde ich es nicht für mehr Nachrichten ausgeben.“

Martin Stadelmaier

 

Staatssekretär Martin Stadelmaier erklärte darauf im weiteren Verlauf des Symposiums, Nachrichten seien „ein Wesensmerkmal von Rundfunk-Vollprogrammen“, die Sicherung der Meinungsvielfalt müsse im Rundfunkstaatsvertrag deutlicher festgeschrieben werden.

 

Hans-Joachim Otto, Ingrid Scheithauer, Martin Stadelmaier

 

Sein Disput mit FDP-Gegenspieler Hans-Joachim Otto, moderiert von Ingrid Scheithauer unter der Überschrift „Braucht Deutschland eine neue Medienordnung?“, brachte darüber hinaus jedoch wenig Neues und blieb beim Austausch der bekannten Positionen. Während Otto von „Reformstau“ sprach und das Fehlen „großer Würfe“ beklagte, konnte er auf Stadelmaiers Frage, welche Gremien denn wegfallen sollten, wenig Erhellendes beitragen. Ottos Kritik, er könne nicht verstehen, „dass wir uns bei den Öffentlich-rechtlichen mit Binnengremien begnügen und die Privaten scharf überwachen“ hielt Stadelmaier entgegen, die Öffentlich-rechtlichen würden weitaus dichter überwacht, als von jenem angenommen.

 

Victor Mayer-Schönberger

 

Zweiter großer Hingucker auf diesem Symposium neben Ebeling dürfte dagegen Victor Mayer-Schönberger mit seinem Vortrag „Habermas 2.0 – Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter“ gewesen sein. Seine Thesen zu demokratischem Potential und Regulierungsmöglichkeiten des Internets mögen umstritten sein, brachten jedoch gleich am Vormittag frischen Wind in die Veranstaltung. Laut dem Internetexperten, eingeflogen von der Nationaluniversität Singapur, wird das Internet weit überschätzt. Eine Wiedergeburt der Demokratie, gar eine neue bürgerliche Öffentlichkeit 2.0 kann er nicht erkennen. Zwar gebe es im Netz viele neue Stimmen. Doch das bedeute nicht, dass daraus eine neue Qualität des Diskurses entstehe. „Wir müssen aufhören, darauf zu hoffen, dass, wenn wir neue Stimmen hören, diese Stimmen unbedingt die Wahrheit vermitteln oder näher an der Wahrheit sind, als jene, die das professionell seit Jahren machen. Hier gibt´s zuviel Hype in der Web 2.0-Community, was die Weisheit der Vielen betrifft. Was peer-production und crowd sourcing betrifft. Hier bedarf es eines Korrektivs“, so der Österreicher. Die Weisheit der Vielen sei nicht mehr als ein Mythos. Es gebe keinerlei empirische Beweise für diesen Ansatz. „Gegen die Weisheit der Vielen spricht die Theorie des Marquis de Condorcet, der nachgewiesen hat, dass viele nur dann faktische Wahrheit besser erkennen können, als wenige, wenn sie auch über ein überdurchschnittliches Vorwissen verfügen oder eine Fähigkeit, Informationen gut einschätzen zu können“, erklärte Mayer-Schönberger. „Und nachdem man nicht davon ausgehen kann, dass das der Fall ist, fügt die Agglomeration, das Zusammenfügen von vielen Informationen und die gemeinsame Entscheidungsfindung im Internet, primär zu Überzeugung und wohl kaum zu Weisheit.“

 

Und mehr noch: Gerade im Internet gibt es eine ungehemmte Konzentration. Nur wenige Anbieter haben 90 Prozent des gesamten Traffics. Beispiel Blogs, die als Urform der Demokratie gelten: Über 200 Millionen sollen es weltweit sein. Doch nur eine kleine zweistellige Zahl von Blogs zieht fast die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Oder: rund 80 Prozent der User nutzen die Suchmaschine google. Soviel Konzentration gibt es in der klassischen Medienwelt nicht. Victor Mayer-Schönberger warnt dennoch vor einer wettbewerbsrechtlichen Regulierung des Internets. Zwar seien diese neuen so genannten Intermediäre sehr mächtig dank der vielen Nutzer. „Aber die Solidarität und Verbundenheit der Nutzer mit diesen Anbietern ist außergewöhnlich gering. Sobald ein besseres Angebot kommt, sind die Nutzer bereit zu wechseln. Hier gibt’s ganz kometenhafte Anstiege, die dann rasch wieder in den Boden fallen und das hat den Nachteil der geringen Loyalität und den Vorteil eines kompetitiven Marktes.“ Bezogen auf die klassischen Medien meinte Mayer-Schönfelder, sie müssten ihren Platz im Netz erst finden.

 

Interview mit Victor Mayer-Schönberger

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Hans Hege, Chef der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, erklärte dagegen auf Nachfrage, dass er Regulierung auch im Netz für angebracht hält. Er sorgt sich darum, dass sich die klassischen Medien, die einen öffentlichen Diskurs sicherstellen, auch im Netz behaupten – was aus seiner Sicht kein Selbstläufer ist. Vor allem die Produktion von Qualitätsinhalten ist im digitalen Zeitalter eine wirtschaftliche Herausforderung, meint Hege. „Wir haben keine Knappheit mehr auf der Übertragungsseite, aber nach wie vor eine Knappheit wertvoller Ressourcen, für die wir die wirtschaftlichen Bedingungen schaffen müssen. Die dahinter stehende Problematik ist, wie sichern wir, dass wir wertvolle Inhalte weiter produziert bekommen?“ Und vor allem, dass sie am Ende auch die Nutzer erreichen. Navigation, machte Hege deutlich, wird eine Schlüsselfrage der Zukunft sein, wenn Internet und Fernsehen komplett verschmolzen sind. Spätestens, wenn sich Suchmaschinen etwa für Fernsehprogramme auf dem Markt etabliert haben, dürften bei den Regulierern die Alarmglocken läuten. Denn nur, wer gefunden wird, kann im Internet überleben. VLinß

 

Fazit:

Wissenswert: *****
Unterhaltungswert: **
Kontaktwert: *****
Ambiente: ****

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