Soziale Medien spielen eine zentrale Rolle bei der Meinungsbildung zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Nutzer sind ständig einer Mischung aus algorithmisch und sozial gefilterten Inhalten ausgesetzt, die beeinflussen können, wie sie neue Themen wahrnehmen und Einstellungen bilden. Basierend auf Theorien der heuristischen Informationsverarbeitung, des sozialen Einflusses und der sozialen Identität untersucht die Experimentalstudie den Einfluss von Posts in einem Social-Media-Newsfeed auf die selektive Aufmerksamkeit, Bewertung und Meinungsbildung der Nutzenden. […]
Die Ergebnisse zeigen, dass Beiträge von Ingroup-Stimmen zwar nicht mehr Aufmerksamkeit erhalten als Outgroup-Beiträge, aber generell als glaubwürdiger wahrgenommen werden und unter bestimmten Bedingungen persuasiver wirken, und zwar wenn Ingroup-Beiträge in der Mehrheit sind und wenn die Nutzenden ein geringes Involvement aufweisen. Der Persuasionseffekt tritt auch dann auf, wenn die Ingroup kaum einen Bezug zum diskutierten Thema hat. Dies unterstreicht, dass keine undurchlässigen Filterblasen erforderlich sind, um die Meinungen von Menschen in sozialen Medien zu beeinflussen. Den Ergebnissen zufolge findet Persuasion in sozialen Medien statt, wenn Individuen überwiegend mit den Meinungen von Menschen konfrontiert werden, denen sie sich nahe und verbunden fühlen – unabhängig davon, ob diese Verbindung themenspezifisch ist oder nicht.
Wolfgang Schweiger, Inlibra (online)

