„TV-Sender zu kritisieren ist rückwärtsgewandt“

Das klassische TV-Sendermodell sei hinfällig, man brauche neue Finanzierungs- und Vertriebswege. So die neue Dok-Leipzig-Chefin Leena Pasanen im Interview mit SpOn (26.10.2015).

 

„Seitdem ich in Deutschland bin, werde ich immer wieder dazu aufgefordert, das deutsche Fernsehen für seine Förderpolitik zu kritisieren. Ich bin in Finnland bewusst aus dem Fernsehgeschäft ausgestiegen, weil ich nicht mehr an das klassische Sendermodell glaube.“

 

Allerdings ist es so, dass allein ARD und ZDF jährlich ca. 8,7 Mrd. Euro zur Verfügung haben. Für dieses Geld sollen sie Programm machen. Sowohl für ARD und ZDF, als auch für die privaten Sender hat der Gesetzgeber in Paragraf 6 Rundfunkstaatsvertrag vorgegeben:

 

  • dass die Fernsehveranstalter zur Sicherung von deutschen und europäischen Film- und Fernsehproduktionen als Kulturgut sowie als Teil des audiovisuellen Erbes beitragen sollen,

 

  • die Vielfalt im deutschsprachigen und europäischen Raum darstellen und zur Förderung von europäischen Film- und Fernsehproduktionen den Hauptteil ihrer insgesamt für Spielfilme, Fernsehspiele, Serien, Dokumentarsendungen und vergleichbare Produktionen vorgesehenen Sendezeit europäischen Werken entsprechend dem europäischen Recht vorbehalten sollen,

 

  • einen wesentlichen Anteil an Eigenproduktionen sowie Auftrags- und Gemeinschaftsproduktionen aus dem deutschsprachigen und europäischen Raum enthalten sollen.

 

Dies ist die Grundlage, auf der die Sender Programm machen dürfen.

 

 

„Wir erleben gerade das, was die Musikbranche vor Jahren schon durchgemacht hat: Die Leute legen nicht mehr Wert auf die Verpackung eines Produkts – ob sie Musik als CD oder Schallplatte präsentiert bekommen, ist für sie nicht entscheidend. Genauso geht es Filminteressierten, denen ist es egal, auf welchem Weg sie an einen Film kommen.“

 

Doch wie viele Musiker können von der „Internet-Verwertung bzw. Selbstvermarktung“ leben? Welche Umsätze werden da generiert? Sollen die Dokfilmer, so wie die Musiker mehr Konzerte geben, von Kino zu Kino ziehen? Doch im Kinosaal kann man nicht solche Einnahmen wie bei einem Konzert generieren.

 

 

„Bis vor einiger Zeit war es vor allem im Fernsehen für den Erfolg eines Films entscheidend, was davor und danach programmiert war. Solche Überlegungen sind aber mittlerweile hinfällig: Die Leute konsumieren Filme und Fernsehen, wann und auf welcher Plattform es ihnen am besten passt. Meine 82-jährige Mutter schaut sich alles auf ihrem Laptop an. Das ist die Realität, der wir uns stellen müssen.“

 

Auch heute noch ist entscheidend, was vor oder nach einem Film läuft. Davon hängt die Zuschauerzahl ab. Und nicht nur die. Da gibt es auch einen Zusammenhang zum Mediathekenabruf. Und – es ist ein Irrglaube, dass die Menschen mehr im Netz per Livestream oder Abruf als im Fernsehen Filme sehen. Wenn ein Tatort 1 Millionen Abrufe hat, ist das viel, die Fernsehreichweite liegt oftmals weit über 10 Millionen. Selbst solche Premiummarken erreichen im Netz oftmals nicht mehr als 10 Prozent des Publikums. Wie das kommt? Das Internet wird eben nicht, wie behauptet, so umfangreich zum Fernsehkonsum genutzt.

 

Die Bevölkerung ab 14 Jahre aufwärts nutzt im Schnitt am Tag das Fernsehen 208 Minuten lang und das Internet 107 Minuten. Die tägliche Nutzung des „medialen Internets“ liegt bei 26 Minuten, 3 Minuten für Fernsehen und 3 Minuten für Videos, die nicht im Fernsehen laufen. Und wie sieht das für die 14 bis 29jährigen aus? Sie nutzen im Schnitt am Tag das Fernsehen 144 Minuten lang, als 64 Minuten weniger, und das Internet 187 Minuten, also 80 Minuten mehr als der Durchschnitt. Die Nutzung des „medialen Internets“ liegt bei 48 Minuten, also nicht einmal doppelt so hoch, 6 Minuten für Fernsehen und 8 Minuten für Videos, die nicht im Fernsehen laufen. Es ist nur eine kleine Gruppe, die alles auf dem Laptop oder mobil – welche Filme lohnen sich da überhaupt? – schaut. Von der kann man nicht auf alle schließen. (Daten: Bernhard Engel und Christian Breunig, ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2015, online)

 

„Genauso geht es Filminteressierten, denen ist es egal, auf welchem Weg sie an einen Film kommen. Hauptsache, er ist dann verfügbar, wenn es ihnen passt.“

 

Doch wie viele sind das? Was sind sie bereit zu bezahlen? Wie viele Filme kann man so finanzieren?

 

„Fernsehsender zu kritisieren, halte ich deshalb für rückwärtsgewandt. Stattdessen müssen wir sehen, was es für neue, nachhaltige Modelle der Finanzierung und des Vertriebs geben kann.“

 

Doch welche Modelle sollen das sein? Welche Summen fließen über die Sender und die Filmfördereinrichtungen in Filme und welche Summen werden derzeit im „Netz“ und über andere Wege generiert? Wer das Fernsehen nicht kritisiert, der hat es aufgegeben. Konsequenterweise müsste er dann auch fordern, den Rundfunkbeitrag abzuschaffen.

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