Zitat: Das Fernsehen hat die Zuschauer, die es heranzüchtet

 

Eines von McLuhans Mediengesetzen besagt: „Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns“. Diese Einsicht von McLuhan ist entscheidend für das Fernsehen der Zukunft: denn das Fernsehen, das wir derzeit haben, prägt auch seine eigene Zukunft und unsere mit. Karl Marx hatte darauf hingewiesen, dass man die Produktion nicht unabhängig von der Konsumption betrachten kann. Ein Produkt wird zum Produkt erst dadurch, dass es konsumiert wird. Ein Kleid, schreibt Marx, wird erst wirklich Kleid durch den Akt des Tragens.

 

 

Der zukünftige Gebrauch in der Konsumption ist somit eine treibende Kraft der Produktion. In der Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie heißt es: „Nicht nur der Gegenstand der Konsumption, sondern auch die Weise der Konsumption wird daher durch die Produktion produziert, nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Die Produktion schafft also den Konsumenten.“ Anders formuliert: Das Fernsehen wird die Zuschauer haben, die es jetzt gerade heranzüchtet. Und die Bedürfnisse dieser Zuschauer werden, wenn es alleine um Abstimmung über Quoten geht – bildhaft gesprochen – immer mehr die Komplexität im Fernsehen abschaffen. Wer ständig Unterforderung produziert, produziert auch eine Konsumption, die die Spirale weiterer Unterforderungen in Gang setzt. Es entsteht ein Zwang, sich selbst ständig weiter unterbieten zu müssen. Das „Mediengesetz“ von McLuhan verweist daher in einem Doppelsinn auf die Notwendigkeit am Festhalten von Bildungsfernsehen. Viele Medienmanager verstehen unter Bildungsfernsehen fälschlicherweise ein Fernsehprogramm, in dem als „Bildung“ gelabelte Inhalte (Theater, Wissenschaft, Kunst etc.) bzw. ein als „Bildung“ gelabelter Kanon von Inhalten vorkommen muss. Tatsächlicher aber geht es im Bildungsfernsehen in einem viel entscheidenderen Sinn darum, das Fernsehen selber als Prozess der Bildung, als Produzenten von Bildung und Urteilskraft zu begreifen. In diesem Sinn ist Bildung nicht einfach etwas, das gezeigt wird, sondern ein Vorgang, der aktiven Gestaltung einer Rolle, in der Öffentlichkeit die Urteilskraft der Menschen, ihr Orientierungsvermögen und damit ihr Verständnis der Zeit zu stärken.


Gert Scobel, Jahrbuch Fernsehen 2012

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