„Die Ermittlung der Quote hatte und hat allein ein einziges Ziel: Die Höhe der Preise für die Werbeblöcke zu ermitteln. Muss ein Bildungsprogramm mit ausgewiesenem „Public Value“ seine Qualität wirklich durch Quoten beweisen? Sicher, es müssten allgemein akzeptierte Standards und Kriterien für das eingeführt werden, was aus gutem Grund „Public Value“ hat. Und um es klar zu sagen: Natürlich gibt es auch in den kommerziellen Sendern „Public-Value“-Programme. Einmal vorausgesetzt, man hätte solche Kriterien definiert: Welchen Grund sollte es dann noch geben, ein radikal und konsequent umgesetztes Bildungs- und Informationsprogramm einem Quotendruck zu unterwerfen?
Ist der einzige Grund der, dass man dann am Ende trotz „Public value“ die Politik nicht mehr ins Boot holen kann, weil sie, um sich selbst im Fernsehen sehen zu können, Quote, also potenzielle Wählerstimmen braucht? Für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft scheinen mir klare, harte „Public- Value“- Richtlinien besser und sinnvoller zu sein als eine Regelung allein durch Einschaltquote. Ich würde mich sehr auf das Experiment freuen, für einige Zeit sämtliche Quotenmessung für Kultur- und Wissenschaftssendungen sowie politische Informationssendungen auszusetzen. Ich habe mich häufiger mit Naturwissenschaftlern über die Anwendung der in der Wissenschaft geltenden Standards für die Auswertung statistischer Daten auf Sendungen von Nischenprogrammen unterhalten. Es geht dabei um Sendungen, deren Quote im Messfehlerbereich liegen. Die Meinung war eindeutig: Quoten, die auf diese Weise gemessen werden, haben keinerlei Aussagewert, denn die „Ergebnisse“ der Messung liegen im statistischen Rauschen. Wenn beispielsweise eine Einschaltquote von 1,5 Prozent gemessen wurde, dann entspricht dem je nach Fernsehtag und Marktanteil ein verschämt kleines Sample von Menschen innerhalb des Panels von etwa 11.000 Teilnehmern. Die Messung ist daher so lange nicht genau, bis ich weiß, wie groß die Präzision dieser Messung ist. Diese Präzision wird durch das Konfidenzintervall angegeben, das in den Quotenmessungen jedoch nicht eigens ausgewiesen wird. Dennoch werden gerade Nischensendungen, die per Definition nicht die großen (und damit verlässlichen) Quoten einfahren, aufgrund solcher Schwankungen im Messfehlerbereich beurteilt und abgeschafft. Rational ist so eine Entscheidung nur, wenn man die Orientierung an der großen Zahl, der großen Quote, für das einzig verlässliche Instrument der Messung von Qualität und von Vertrauen des Zuschauers in das Produkt „Fernsehen“ hält. Doch gerade bei Nischensendungen wage ich zu bezweifeln, dass das eine rationale Annahme ist.“
Gert Scobel, Jahrbuch Fernsehen 2012