Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout hat ein Buch darüber geschrieben, wie sich Reaktionen und Interaktionen vor die Ereignisse schieben, die zum Material für Selbstpositionierungen werden. Nicht nur der Politik, auch Medien hat sie attestiert, tief im Reaktionsmodus zu stecken: Die erwarteten Reaktionen können zu Handlungstreibern werden.
„Laut Mitarbeitern sei die Angst vor Shitstorms aus rechten Milieus in den Redaktionen auch deshalb verbreitet, weil man die Erfahrung gemacht habe, sich im Zweifel nicht auf die Senderverantwortlichen verlassen zu können. Als einschneidendes Ereignis gilt hierbei das Vorgehen des damaligen WDR-Intendanten Tom Buhrow im Dezember 2019.“
Wir erinnern uns: Er hat sich seinerzeit entschuldigt.
Die erwartete oder für möglich gehaltene Social-Media-Reaktion schiebt sich vor die Inhalte. „Fehler“, wie Buhrow es damals nannte, definieren sich dann nicht dadurch, dass ein Inhalt tatsächlich fehlerhaft ist. Sondern dadurch, dass seine Dekontextualisierbarkeit und absichtsvolle Missdeutung –und damit auch die mögliche Wirkung auf diejenigen, die sich von Oberflächen nur zu gern beeindrucken lassen – in der Planung nicht eingepreist wurde.
Klaus Raab, MDR Altpapier, 19.02.2026 (online)

