Zitiert: ARD – Vergessene Welten und blinde Flecken

…. die Tagesschau 2017 [hat] über eine Hungersnot in Ostafrika mit mehr als 250.000 Toten in elf Beiträgen zusammen 20 Minuten berichtet hat, während im selben Jahr über die 310 Hurrikan-Todesopfer in den USA in der Tagesschau 19 Berichte über insgesamt 38 Minuten liefen. Das ist eines von vielen Beispielen aus Ihrer Studie für die ungleiche regionale Berichterstattung in deutschen Medien. Was sind die Gründe für dieses Ungleichgewicht?

Im ARD-Fernsehstudio Nairobi in Kenia arbeiten zwei Korrespondenten, die für 38 afrikanische Staaten mit 870 Millionen Einwohner zuständig sind. In den USA und Europa sind dagegen viel mehr Journalisten für die ARD im Einsatz. Zudem sind für einige Medien Katastrophen, Terror und Krieg interessanter als Hunger. …. Es drängt sich die Vermutung auf, dass sich die Berichterstattung im Allgemeinen nach der (vermeintlichen) kulturellen oder geografischen Nähe richtet. Man könnte auch vermuten, dass in einigen Medien Nachrichten eine besondere Berücksichtigung finden, die „Sensationswert“ besitzen (pointiert ausgedrückt: „Terror und Krieg scheinen ,berichtenswerter‘ zu sein als Hunger“).

Sicherlich spielt der „mediale Diskurszirkel“ (Medien auch als Echokammer) eine wichtige Rolle: Ein Medium berichtet über etwas, weil andere (Konkurrenz-)Medien darüber berichten und trägt damit zur Diskursstabilisierung des jeweiligen Themas bei, was wiederum dazu führt, dass nun andere Medien (auch gattungsübergreifend) auf den jeweiligen Nachrichtenzug aufspringen. Diesen Zirkel mit vergleichsweise unkonventionellen Themen abseits der üblichen Diskursregionen zu durchbrechen, wird damit zunehmend schwerer. ….

Eine Erklärung, allerdings nicht die Ursache, für die überwiegende Konzentration der Berichte auf den sog. Westen dürfte darin liegen, dass das Korrespondentennetz hier viel dichter ausgeprägt ist als in den Staaten des Globalen Südens. ….

Mit dem umfangreicheren Korrespondentennetz dürfte eine höhere Nachrichtendichte aus den jeweiligen Gebieten vorprogrammiert sein. Es stellt sich allerdings immer noch die Frage, wieso einige geografische Räume engmaschiger mit Reportern abgedeckt werden als andere. ….

Ein ausgestrahlter oder abgedruckter Bericht kann die Einstellung des Zuschauers, -hörers oder Lesers zu dem entsprechenden Thema positiv oder negativ beeinflussen. Umgekehrt aber kann ein nicht gesendeter oder veröffentlichter Beitrag überhaupt eine Meinungsbildung verhindern, da möglicherweise erst der Bericht selbst ein Bewusstsein für die Existenz des entsprechenden Themas geschaffen hätte. Relevant für die öffentliche Meinungsbildung sind daher nicht nur die ausgestrahlten Berichte, sondern ist insbesondere auch das Fehlen von Nachrichtenbeiträgen.

Medien sind aufgerufen, einen Diskurszirkel zu vermeiden, der tradierte, festgefahrene Strukturen der Berichterstattung, die dem subjektiv-emotional Aufsehen erregenden und vermeintlich oder mutmaßlich kulturell oder geografisch näher Stehenden eine höhere Bedeutung zuschreibt, als dem „faktisch“ Bedeutsamen, möglicherweise aber kulturell oder geografisch Entfernten.

Ladislaus Ludescher: Vergessene Welten und blinde Flecken: Die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens. Quantitative geografische Mediendiskursanalyse über die Berichterstattung der “Tagesschau” und ausgewählter Leitmedien , Heidelberg: heiBOOKS, 2020. (online sowie pdf)

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Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
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Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)