Viel zu lange Zeit waren wir bereit (und sind es heute immer noch), große Künstler nahezu bedingungslos zu bewundern, während weibliche Künstler oft noch nicht einmal Eingang in die Geschichte fanden. Und wo die einen nicht stattfanden, entwickelte sich für die anderen oft eine Art Schutzmauer – auch gestützt durch Frauen. Verlage, Produzenten, Feuilletons und Fans hatten (und haben) ein Interesse daran, das Bild des künstlerischen Genies aufrechtzuerhalten. Verfehlungen im Privaten wurden und werden relativiert, problematische Verhaltensweisen entschuldigt oder als Teil eines außergewöhnlichen Künstlerlebens verklärt. Genialität – das perfekte Schutzschild vor allzu viel Moral und
Erst in den vergangenen Jahren wurde sichtbarer, wie viele Fälle es gibt, in denen hinter dem gefeierten Künstler ein Mensch stand, der andere verletzt, gedemütigt oder ausgenutzt hat. Das bedeutet nicht, dass jedes große Werk verworfen werden muss. Aber wir sollten aufhören, Ruhm und Talent als moralischen Freifahrtschein zu betrachten. Idole dürfen hinterfragt werden. Man kann anerkennen, dass jemand Großes geschaffen hat – auch wenn er menschlich gesehen ein Totalausfall war, das eine löscht das andere nicht aus. Doch wir sollten aufhören, unsere Idole auf Podeste zu stellen, die so hoch sind, dass sie von dort nur noch eines können: herunterstürzen.
Judka Strittmatter, berliner-zeitung.de, 05.06.2026 (online)

