Und damit bin ich bei der weitaus größten, der politischen Gefahr, dem politischen Übersteuern, dem politischen „Clipping“, das die oberen und unteren Ausschläge der Audiokunst inhaltlich und künstlerisch abschneidet und nur noch leicht verständliche Mitteltöne zulässt. Diese gesellschaftliche „Übersteuerung“ betrifft das künstlerische Hantieren mit Mikrofonen und Tonspeichergerätschaften heute in seinem innersten Kern!
Denn das Hörspiel wird – entgegen allen anderslautenden Verlautbarungen aus den Rundfunkhäusern – nach Jahrzehnten der freien und prächtigen Entfaltung buchstäblich „übersteuert“. Es wird überreguliert und vom Raum der Kunst in das der Massenkompatibilität überführt. Comedy statt Klangkunst. Ja, das Hörspiel ist übersteuert! Jene einzige Kunstform, die von einem Medium, wie das Radio eines ist, hervorgebracht wurde. […]
Von dieser Kunstform, einem weltweit einzigartigen Phänomen, das eigentlich Weltkulturerbe sein sollte, werden von den Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks derzeit alle „Höhen“ und „Tiefen“ abgeschnitten. […]
Vorbei die Zeiten, als das Radio Nobelpreisträger wie Grass, Nationaldichter wie Walser, Großintellektuelle wie Enzensberger hervorbrachte. So jemand hat heute im übersteuerten Radio keine Chance.
Und: Es werden immer weniger Hörspiele produziert, Studios geschlossen, Sendeplätze gestrichen, Übernahmen und Wiederholungen weitgehend eingestellt und entgegen geltenden Verträgen wird versucht, Honorare zu kürzen. Preise, die manchen Lebenslauf – auch meinen – in eine bessere Richtung gebracht haben, wurden abgeschafft. Nicht einmal Autorenverträge werden mehr von allen Anstalten eingehalten, die Autoren im Netz nicht genannt. Hörspiel heißt jetzt Podcast, wird ästhetisch oft produziert wie in den 50er Jahren, ist gerne mal Gelaber und hat die Logorrhöe.
Andreas Ammer, epd medien, 19.10.2026 (online)
