[…] ob Literatur, Film, Architektur oder bildende Kunst, es gehört auf den Schrotthaufen der Geschichte, entschied nach 1990 die Bundesregierung. Nach der Wende fand in Leipzig ein Parteitag der SPD statt. Ich habe damals im Auftrag des Wochenmagazins Stern eine Reportage über den Übergangsprozess der DDR in die BRD verfasst. In der ersten Reihe in Leipzig saß Willy Brandt. Auf meine Frage: „Wie viel Kultur der DDR soll in die deutsche Wiedervereinigung aufgenommen werden?“, antwortete er mir: „So viel wie möglich!“ […]
Das Gegenteil ist geschehen. Im Fernsehen der DDR wurden 6000 Mitarbeiter entlassen, bei der Defa und im Rundfunk waren es über 2000. Die Puppen- und Animationsfilme des Defa-Trickfilmstudios in Dresden, des größten in Europa – sie landeten auf Befehl der Treuhand im Container. Über acht Millionen Bücher aus den Verlagen der DDR wurden vernichtet. Schallplatten-Labels wie Eterna oder Amiga an dubiose „Investoren“ für lächerliche Summen verscherbelt. Mit der Defa-Stiftung wurde das filmische Erbe, dazu gehören auch die Dokumentarfilme, weitgehend gerettet. Nach der Wende gab es keinerlei Stützungsversuche. Jeder Künstler der DDR musste wie ein verlorener Wanderer in der Wüste seine eigene Oase finden.
Eberhard Görner, berliner-zeitung.de, 07.06.2026 (online)

