Die übliche Frontstellung greift zu kurz: hier der angebliche „Mainstream“, dort die misstrauisch beäugten „alternativen Medien“. Entscheidend ist das journalistische Verfahren: Werden Nachricht und Meinung getrennt? Werden Gegenpositionen fair abgebildet? Und traut eine Redaktion ihren Lesern zu, selbst zu urteilen? […]
Institutionen können plural organisiert sein und beim Publikum dennoch Gleichförmigkeit erzeugen. Umgekehrt können alternative Medien Gegenrede versprechen und selbst in Echokammern geraten. Der Vergleich der sechs Positionen zeigt: Die Trennlinie verläuft nicht sauber zwischen öffentlich-rechtlich und privat, etabliert und alternativ, links und rechts. Sie verläuft zwischen Journalismus, der Auswahl und Maßstäbe sichtbar macht und Journalismus, der die eigene Perspektive für die Wirklichkeit selbst hält. […]
Völlige Perspektivlosigkeit gibt es nicht. Daraus folgt aber nicht, dass alles Meinung sein darf. Gerade weil Auswahl unvermeidlich ist, werden handwerkliche Regeln wichtiger: Fakten vor Wertung, Bericht und Kommentar erkennbar trennen, Gegenargumente nicht karikieren, Fehler korrigieren, Unsicherheit kenntlich machen. […]
Wer berichtet, muss nicht meinungslos sein. Aber er sollte dem Leser die eigene Haltung nicht als Endpunkt der Erkenntnis verkaufen. Die stärkste Form des Journalismus ist nicht die richtige Meinung, sondern die Zumutung einer Wirklichkeit, die vollständig, widersprüchlich und offen genug bleibt, damit am Ende nicht die Redaktion, sondern der Bürger urteilt.
Ralf M. Ruthardt, berliner-zeitung.de, 04.09.2026 (online)

