30 Jahre nach der Euphorie der vernetzten Gesellschaft erleben wir das Ende des Internets, wie wir es kannten. Die Plattformen zerfallen, Suchmaschinen verlieren ihre Autorität. Das Netz, einst ein Versprechen auf Vielfalt, verwandelt sich in ein synthetisches Geflecht geschlossener KI-Nischen. Ursache dafür ist nicht die KI, aber Katalysator – sie beschleunigt den Rückzug ins Private und ersetzt demokratische Aushandlungsprozesse durch mathematische Berechnung.
Hinter diesem Umbruch formieren sich zudem neue Machtzentren ungekannten Ausmaßes. Die Tech-Konzerne kontrollieren nicht nur die komplette wirtschaftliche KI-Infrastruktur, sondern längst auch die Regeln politischer Machtsysteme – wer wahrgenommen wird, wer verschwindet, wer überhaupt noch vorkommt. Unabhängige Medien verlieren in dieser Architektur sowohl ihre Bühnen als auch ihr Publikum, weil sie sich nicht mit der Taktung der KI-Dynamiken vertragen.
Die Erbauer dieser KI-Infrastruktur beginnen zu begreifen, dass sie mehr als tollkühne Businessmodelle austesten – sondern die Benutzeroberfläche des 21. Jahrhunderts schlechthin erschaffen, mit eingebautem Demokratierelais als Schalter, der in Richtung Demokratie oder Diktatur umgelegt werden kann – je nachdem, wer am Hebel sitzt. […]
Und Europa? Importiert nicht nur Energie, sondern auch fremde KI. Wer die Rechenzentren baut, betreibt die Sprachmodelle. Wer die Sprachmodelle betreibt, kontrolliert die Öffentlichkeit. Wir, die sich einst als Hüter der Aufklärung sahen, sind zu reinen KI-Konsumenten geworden – abhängig von den USA oder China, die solche Systeme bauen, trainieren und politisch instrumentalisieren.
Stephan Weichert, taz.de, 19.02.2026 (online)

