Sie ist in ihrer Zielsetzung die algorithmische Modellierung der analogen Alltagskultur: Moden, Habitus, Altern und Sexualität, transformiert in die künstliche Welt rechnerkompatibler Wirklichkeitsentwürfe. Um es mit einem Begriff von Jürgen Habermas zu beschreiben: Es handelt sich um eine „Kolonisierung der Lebenswelten“ durch die „Systemimperative“ technologischer Modelle, die sich im Vollzug dieser Prozesse stetig selbst optimieren. Um des Massenabsatzes willen, konzentriert auf die Vervielfältigung des leicht konsumierbaren Trivialen. Da lässt sich manchmal durchaus das Motto „Flood the zone with shit“ anwenden, das der US-Ideologe Bannon 2018 mit dem Ziel formulierte, politische Meinungsbildung systematisch zu vernebeln.
Solche frühen Mahnungen sind zwar nicht ungehört verhallt, aber verdrängt. Sie gehen unter in der Masse der Trivialitäten. Man bräuchte nur an sich selbst das Experiment durchzuführen, manche Startseiten des Rechners zu öffnen. Ungezählte Nichtigkeiten blitzen auf, grelle Ankündigungen, sensationalisierte Kürzel, tollste Neuerfindungen, schaudernde Unfallberichte, pseudopolitische Aktualitäten und dann wieder Versprechen von Gesundheit und Schönheit: „Wenn Sie dies tun, dann …“ – Clickbaits. Binnen Sekunden ist die Konzentration blockiert. Offensichtlich wird dieser Informations-Overkill jedoch akzeptiert – sonst gäbe es ihn nicht.
Und so „verdinglicht“ sich dieses Handeln zu einer Struktur, fest mit der Normalität der Alltagskultur verflochten, weil diese Ausgestaltung der Digitalisierung den Alltag auf spezielle Weise abbildet und damit eine Wirklichkeit stilisiert, die sich dann erneut und erneuert in den sozialen Medien präsentiert. In Selfies vor pittoresken Orten, die zu touristischen Kulissen für Massen werden; in normierter Kosmetik, Körperkultur, Physiognomie. Die sozialen Medien werden zu Wächtern wechselseitiger sozialer Kontrolle durch ihre Nutzer, die in einem Prozess des „Random Copying“ aus dem Nichts eine Welt erschaffen, die nur deshalb existiert, weil alle glauben, dass die anderen etwas tun, das normal ist – ohne jemals darüber zu reden, ob es das wirklich ist. Dann wird es wirklich.
Holger Rust, berliner-zeitung.de, 04.03.2026 (online)

