Zitiert: Die Leerstellen der Jugend-Strategie von ARD und ZDF

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist, nach einigen verlorenen Jahrzehnten, in denen zwischen Kinderfernsehen und „Tagesschau“ wenig für jugendliche Zuschauerinnen und Zuschauer geboten war, seit geraumer Zeit enorm bemüht um eine „junge Zielgruppe“. Man könnte diese Bemühungen als institutionelle Sehnsucht nach Jugend pathologisieren und anmerken, dass die bloße Anwesenheit einer feministischen Rapperin wie Ikkimel nicht automatisch Relevanz beim jungen Publikum bewirkt. Jugend ist keine Zutat, die man wie Petersilie über die Tagessuppe streut. […]

Ein paar Jahre später verloren sich meine neuen Programmverantwortlichen – die anderen waren inzwischen in Rente gegangen – in Vorträgen von geschäftstüchtigen Marktforschern und Marketingagenturen: Die „junge Zielgruppe“, wurde jetzt genau untersucht, ein fremdes Volk, dessen Bräuche man zu entschlüsseln suchte. Anschließend sortierte man sie in die Schubladen der Sinus-Milieus ein. Damit wurde es noch komplizierter, weil es plötzlich nicht mehr „die Jugendlichen“ gab, sondern die „jungen Wilden“, die alles anders machen wollen als ihre Eltern, aber leider mit 29 noch daheim wohnen müssen, weil die Mieten so hoch sind. Es gab die „Early Adopters“, die das Update schon installiert hatten, bevor es überhaupt zum Download angeboten wurde. Und, nicht zu vergessen, die „Digital Natives“, die sich gleichzeitig Videos bei Tiktok reinziehen, Sprachnachrichten abhören und bei Uber Eats ordern, aber am Drucker kläglich scheitern.

Darum gibt es jetzt so viele Sendungen, die nicht mehr Sendungen heißen, sondern Content. ARD und ZDF versuchen, ihre Inhalte dort zu platzieren, wo all die vielen unterschiedlichen jungen Menschen unterwegs sind: Tiktok, Youtube, Instagram und Spotify. Dank der Funk-Plattformstrategie erreichen ARD und ZDF so mehr als die Hälfte der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland. Nur dass viele der Nutzerinnen und Nutzer gar nicht wissen, dass das, was sie schauen, öffentlich-rechtlich ist (beziehungsweise, was öffentlich-rechtlich überhaupt bedeuten soll). Und dass ARD und ZDF sich dadurch auch von der Reichweite amerikanischer Tech-Plattformen abhängig machen.

Caro Matzke, sueddeutsche.de, 07.07.2026 (online)

Onlinefilm.org

Zitat der Woche
Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
Out of Space
Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)