Hegel nannte die Zeitungslektüre einen „realistischen Morgendank“. Warum mit ihr auch das soziale Immunsystem einer Stadt schwindet. […]
Wie man die Bedeutung der Vitamine erst erkannte, als Mangelerkrankungen auftraten, werden wir die Funktion redaktionell betreuter Zeitungen für die Demokratie womöglich erst begreifen, wenn es zu spät ist und öffentliche Debatten weitgehend in Filterblasen zerfallen, wenn sich die Öffentlichkeit in unzählige abgeschlossene Echokammern aufgelöst hat.
Im Internet kann jeder jeden Unsinn als Nachricht verbreiten. Eine Redaktion, die Behauptungen auf Wahrheitsgehalt und Stichhaltigkeit prüft, steht meist nicht dazwischen. […]
Die Schaukästen waren ein Treffpunkt – wie zum Beispiel auch die Schalterhalle der Post oder der Stehausschank der Tschibo-Filiale. Es wurde an diesen Orten viel herumschwadroniert und „Dummzeug gebabbelt“.
Für das soziale Immunsystem der Stadt waren es wichtige Orte, von denen inzwischen kaum noch einer existiert. Was ist der Preis für dieses Verschwinden städtischer Öffentlichkeit, deren Existenz vom Vorhandensein solcher Orte abhängt?
Es schwinden Orte, an denen man der Stadtgesellschaft den Puls fühlen konnte. […]
Pressefreiheit wurde zur „Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“, kommentierte der Journalist Paul Sethe diesen Zustand. Heute, da das Geschäft der Manipulation, Verblödung und Vernebelung vorrangig von den elektronischen Medien und Algorithmen betrieben wird, könnten die guten alten Printmedien sich wieder zum Sprachrohr von Aufklärung und Emanzipation entwickeln.
Götz Eisenberg, Telepolis, 20.07.2026 (online)

