Würde tatsächlich nur das Wohl des Wals eine Rolle spielen, dann wären einige Dinge in den vergangenen drei Wochen wohl nicht oder etwas anders passiert. Dann wäre Till Backhaus vermutlich nicht über Nacht bei dem Wal geblieben, denn der Wal weiß ja gar nicht, dass Backhaus schon seit 1998 Landwirtschaftsminister ist und damit ebenfalls ein hohes Tier, also dass seine Anwesenheit also schon was wert ist.
Die politische Inszenierung des Nachtlagers hätte man in seiner Symbolik im Grunde nur mit der Nachricht toppen können: Backhaus verbringt die Nacht beim Wal in Gummistiefeln.
Die Vorstellung, es könnte eine gute Idee sein, wenn ein führender Politiker einem sterbenden Tier über Nacht Gesellschaft leistet, entspringt einer menschlichen Logik, in die der Wal auf seiner Odyssee, nachdem er gestrandet war, auch noch geriet.
Wenn es jemandem schlecht geht, dann möchte der vermutlich ungern allein sein, würde sich also über Gesellschaft freuen. Es kann aber sein, dass der Wal diese Gesellschaft gar nicht als wohltuend empfindet, sondern als unangenehme Bedrohung.
Vielleicht wäre es am besten, ihn da draußen herumliegen zu lassen. Aber wo man ihn zwecks medialer Verwertung mit menschlichen Eigenschaften versehen hat, ist das kaum noch möglich, denn das würde auf den Minister zurückfallen, der tatsächlich ein Mensch ist, dazu ein Politiker. Und das heißt: Von ihm werden bestimmte Dinge erwartet.
Ralf Heimann, MDR Altpapier, 24.04.2026 (online)

