Ich arbeite seit 40 Jahren für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Aus eigener Erfahrung behaupte ich, dass die ARD und insbesondere der WDR, bei dem ich meine Erfahrungen vor allem gemacht habe, alles andere als wirklich offen für queere Themen sind. Schon gar nicht für explizitere Stoffe, wie ich sie in meinem Film verhandele. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen werden fast ausschließlich Klischees bedient. Das hat nichts mit Ehrlichkeit und schon gar nichts mit Offenheit und Freiheit zu tun. Das ist ganz im Gegenteil genau das, was diese Scham fördert, mit der ich mich in meinem Film auseinandersetze. Es mag im Fernsehbusiness überraschend viele Exhibitionisten geben; die aber würden sich niemals öffentlich zu erkennen geben. Öffentlich-rechtliches Fernsehen hat sich für mich als ein Bestätigungsapparat erwiesen, nicht als ein Forum offener Bekenntnisse oder als ein Medium, das den Blickwechsel provoziert. Schon gar nicht für Wagnisse, erst recht nicht für queere Wagnisse.
Tim Lienhard, berliner-zeitung.de, 19.03.2025 (online)