KI setzt bereits vorhandene Kunstwerk-Fragmente neu zusammen, was ich nicht als kreativen, schöpferischen Akt verstehe und worunter die Qualität der generierten Lyrik leiden muss. In einem kleinen Test ließ ich KI (einen ChatGPT-Chatbot der Firma Open AI) ein Sonett zum Thema „Krieg und Frieden“ schreiben. Das Resultat war meines Erachtens qualitativ mäßig, und die Nahtstellen zwischen den zusammengesetzten Textfragmenten menschlicher Künstler waren als solche erkennbar. KI kann nicht kreativ sein, weil zur echten Kreativität Persönlichkeit, Emotionen und persönliche Erfahrung gehören. Aber KI wird es schaffen, KI-Produkte zu erzeugen, die von uns als etwas Kreatives wahrgenommen werden. Der Schaffensprozess – das Lernen aus Fehlern und die Intuition – ist für viele Künstler essenziell. Diesen Prozess überspringt die KI. Dies sollte sich in der Qualität der KI-Erzeugnisse negativ niederschlagen. Die Gefahr von Plagiaten steigt bei KI-generierter Lyrik: KI wird anhand von Datenmengen menschlicher Künstler trainiert – und das, ohne für diese Daten zu bezahlen. Hierdurch sollte KI als solche identifizierbar sein und somit aus lyrischen Veröffentlichungen ausgeschlossen werden können. Lyrik ist häufig auch philosophischer Natur. Niemand möchte aber KI-generierte Philosophie lesen: Die menschliche Philosophie ist ohnehin schwer verständlich, ist aber aus einer echten subjektiven Lebenserfahrung heraus entwickelt. KI-generierter Lyrik fehlt die menschliche Unvollkommenheit. Deshalb liest sie sich gekünstelt, emotionslos und „gefühlskalt“. Allerdings zeigt eine – mich nachdenklich stimmende – wissenschaftliche Studie, die in „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde und bei der Probanden Gedichte von menschlichen Autoren und von KI kreierte Gedichte lasen: Die Probanden konnten die KI-generierte Lyrik nicht klar als solche identifizieren. Darüber hinaus empfanden die Probanden die KI-Erzeugnisse sogar als leichter verständlich.
Norbert Rahn, faz.net, 20.06.2026 (online)

