In einer idealen Welt wäre spätestens am 5. November 2024, Tag der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, ein Ruck durch Europa gegangen. Die relevanten Medien in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen hätten sich vernetzt, um ein gemeinsames europäisches Bewusstsein zu schärfen. Miosga, Lanz, Illner, Maischberger hätten debattieren lassen, was europäische Identität bedeutet und wie sich dieser europäische Wesenskern in die politische Praxis übertragen lässt.
Brauchen wir eine gemeinsame europäische Armee, um unabhängig vom großen Bruder USA zu werden? Müssen wir die Europäische Union demokratisch vollenden, also einen Präsidenten oder eine Präsidentin wählen, eine Person also, die mächtiger ist als der Bundeskanzler? Oder provokant gefragt: Funktioniert Europa besser als loser Bund von Nationalstaaten, kann also „Brüssel“ als politisches Zentrum weg? Große Themen sind das für Talkshows. Sie haben leider nie stattgefunden.
Wie in einer Netflix-Serie gibt der US-Präsident die Debattenlage in Europa vor.
Josef Kelnberger, sueddeutsche.de, 11.01.2026 (online)

