Ich bin mit meinem Stottern als Kind manchmal überfordert gewesen, ich war auch mal wütend auf mich. Aber meine Familie war immer sehr geduldig. Natürlich trifft man gelegentlich auch als Erwachsener noch auf Leute, die mit dem Stottern ihre Probleme haben. […]
Als ich nach dem Abi ein Praktikum bei einer Zeitung machen wollte, ließ der Chef ausrichten, dass das nicht ginge, weil ich ja so sprach, wie ich eben sprach. Im Studium habe ich eine Weile als Spüler in einem schnöseligen Restaurant gearbeitet. Ich durfte nicht in den Service, völlig ausgeschlossen, dabei hatte ich mich eigentlich dafür beworben. Vor einigen Jahren kam eine Anfrage von einem öffentlich-rechtlichen Radiosender, ob ich Lust hätte, an einer „lebendigen Diskussionsrunde“ teilzunehmen zu Literatur im Radio. Nach dem Vorgespräch rief mich die Redakteurin etwas kleinlaut an und meinte, dass das doch nicht ginge. Prime Time und so. Könnte die Hörer irritieren. […]
Ich war eher überrascht von der Absage, als dass sie mich gekränkt hat. Es ist doch eigentlich ganz interessant, dass es wichtiger ist, wie man etwas sagt, als was man sagt. Abweichungen passen nicht in den Sendeplan, jede Punchline muss sitzen. Vielleicht bin ich Journalist bei einer Zeitung geworden, weil mir zwar die gesprochene Sprache nicht die größte Freude bereitet, die geschriebene aber umso mehr.
David Hugendick, sueddeutsche.de, 28.01.2026 (online)

