Gegenwärtig befinden wir uns im Zeitalter des moralischen Populismus, der als Wokeness die Kulturwelt beherrscht. Jetzt meinen viele, dass es zur Kernaufgabe des Theaters gehört, Verletzungen zu vermeiden und die Wunden des Kapitalismus zu heilen. Das Publikum muss vor allen möglichen Triggern gewarnt werden: Vorsicht, was Sie gleich erleben, könnte Sie irritieren, es könnte Ihnen ungewöhnliche Gedanken und seltsame Gefühle bereiten, Sie könnten in Ihrem Seelenfrieden oder in Ihrer Depression gestört werden. Wenn man Theater so begreift, sägt man an seinen Grundfesten. Statt dramatische Ereignisse zu schaffen, die in eine sinnhafte und emotionale Bindung zum Publikum treten, macht man das Theater zum Safe Space, sowohl für die Theaterleute als auch für das Publikum. Das Dogma der woken Theaterblase lautet: Wir dürfen dem Publikum nicht mehr auf die Füße treten, geschweige denn ihm mit dem nackten Arsch ins Gesicht springen, wie es früher hieß.
Bernd Stegemann, berliner-zeitung.de, 09.05.2026 (online)

