Zitiert: Überleben von Qualitätsjournalismus

Wollen Medienhäuser überleben, müssen sie ihr Denken radikal ändern. Klingt komplex, ist aber letztlich nicht so schwer. Sie müssen nur das Gegenteil dessen machen, was Wiele anregt. Als Grundvoraussetzung für heilsbringende Erleuchtung sollten sie zuallererst einmal alle Tools wegwerfen, die im Herzen der algorithmischen Plattformen nisten. Sämtliche Optimierungswerkzeuge der Klick-Economy, die messen, wie lange ein Nutzer auf einer Internetseite bleibt, an welcher Stelle er genau aus einem bestimmten Artikel aussteigt und welches Thema gerade am besten funktioniert, führen zum selben Ergebnis: Sie tragen zur Verflachung und damit zur Zerstörung des Journalismus bei. Sie ermuntern zur Fortsetzung des Immergleichen. […]

Alle journalistischen Strategien, die sich aus Nutzeranalysen ableiten, sind Verliererstrategien. Sieht man allein schon daran, dass Journalismus besser war, als es diese Tools noch nicht gab. Marktforschung war schon immer ausschließlich dazu da, die Ideenlosigkeit von Verlegern und Chefredakteuren mit willkürlich zusammengeklaubten Zahlen zu rechtfertigen. […]

Ebenso wie zum Verzicht auf Leservermessung kann man den Verlagen nur raten, ihren Redakteurinnen die Nutzung von KI vollständig zu verbieten. Wer in dieser Frage laviert, zeigt klar und deutlich, was er wirklich vorhat: Nämlich nach und nach die Grenzen des Möglichen aufzuweichen und Redakteurinnen durch KI zu ersetzen. […]

Wer auf dem Medienmarkt überhaupt irgendeine Chance haben will, muss in Zeiten populistischer Generalverdummung ein selbstbewusstes, integres Gegenprogramm mit Haltung erfinden. Der Journalismus wird sich nur durch radikalen Anspruch halten können. Versucht er, den Müll der Plattformen nachzuahmen, wird er untergehen. […]

In Zukunft werden nur solche Angebote eine Chance haben, die den erschöpften Internet-Nutzern das Gefühl kultivierter Geborgenheit vermitteln.

Stephan Maus, nd-online.de, 14.10.2026 (online)