Als ob eine solche Erzählung nicht eine prinzipielle Trennung zwischen der Sache, um die es geht, und ihrer erzählerischen Darbietung voraussetzte, der vereinnahmenden Wirkung wegen. Als ob eine solche Erzählung etwas anderes wäre als eine strategische Fiktion. Als ob eine solche Erzählung etwas anderes wäre als ein Betrug – und als ob die andere Seite, die linke wie die rechte, nicht längst auf die Idee gekommen wäre, selbst solche Fabeln in die Welt zu setzen. […]
Wer „positive Erzählungen“ in die Welt setzen will, fordert den Konsens, nicht den Streit. Und er erhebt sich, im Bewusstsein seiner vermeintlichen „Verantwortung vor der Welt“, zu einem ebenso unduldsamen wie selbstherrlichen Propheten. Kein Wunder, dass ein solcher Sachwalter „unserer“ Demokratie den autoritären Gestalten zu ähneln beginnt, die er zu seinen Feinden erklärt.
Thomas Steinfeld, sueddeutsche.de, 21.08.2026 (online)

