Zitiert: Warum ein Intendant seinen Sender nicht kennen kann, wie er ist

Wenn WDR-Intendant Tom Buhrow im journalist-Interview davon spricht, dass er sein Haus „nicht als angstbesetzten Laden“ kennen würde, hat er vermutlich Recht. Auf seine Person und seine Wahrnehmung dürfte das hundertprozentig zutreffen, befindet er sich doch am „very-oberen“ Ende der Hierarchie dieses Hauses. Auch als er vor rund 30 Jahren in der aktuellen Berichterstattung im Regionalprogramm unterwegs war, wird dem so gewesen sein. Er war engagiert, präsent, professionell und gehörte einem der – in der Regel männerdominierten – internen Netzwerke an.

Solche Netzwerke gibt es in jedem Unternehmen. Mitglieder kleinerer Gruppen machen die Vergabe von Posten untereinander aus, entscheiden nach Sympathie. Das kann für ein Unternehmen durchaus förderlich sein, solange die gute Stimmung sich auf die meisten Beteiligten auswirkt. …

Es scheint in der Natur von Verwaltungen und Hierarchien mit großem Personalapparat wie dem WDR zu liegen, dass sie besonders anfällig dafür sind, leitende Positionen mit Menschen zu besetzen, die – unbesehen der fachlichen Kompetenz – charakterliche Schwächen mehr oder weniger direkt in ihren Führungsstil einfließen lassen. Und die dies ausspielen, um ihre Position zu sichern. Am besten gelingt das, indem man darunterliegende Hierarchiestufen mit Untergebenen besetzt, die einen nicht in Frage stellen, im Extremfall vielleicht sogar als „Lichtgestalt“ (oder „Alphatier“) beklatschen.

Eigentlich sollen unprofessionelle Entscheidungen eines Vorgegebenen dadurch abgefedert werden, dass die Ebene darunter personell „bunt“ zusammengesetzt ist (im Sinne von Meinungsvielfalt und Engagement). Aber diese „Reparatur“ ist nicht mehr gewährleistet, wenn diese hierarchische Stufe mit Günstlingen und Ja-Sagern besetzt wird. Die erforderliche Kompensation wird so an die darunter liegende Ebene delegiert. Allerdings sinkt damit auch die Durchsetzbarkeit von Maßnahmen, weil untere Ränge kaum ernst genommen werden.  ….

Bei dem beschriebenen Durchreichen „nach unten“ handelt es sich nicht um planvolles Delegieren. Die Beteiligten sind sich dieser Prozesskette nicht bewusst – weil sie mittendrin stecken.

Zieht sich der unbeabsichtigte Prozess bis auf die unteren Ebenen durch, entsteht ein Gefühl der Unsicherheit über alle Hierarchiestufen. Anstelle des dringend erforderlichen konstruktiven Dialogs stellt sich eine Lähmung ein. Und das in einem Medienunternehmen, das eigentlich von Natur aus dem Diskurs, also dem Ausloten, Abwägen, Bewerten unterschiedlicher Ansichten, Meinungen und Informationen verschrieben sein müsste. ….

Tatsächlich klagten in den vergangenen Jahren immer mehr angestellte und freie Kolleginnen und Kollegen über den Trend zur unkritischen Stromlinie im WDR. Zu diesem Trend tragen verschiedene Faktoren bei, etwa die zunehmende Arbeitsverdichtung bei gleichzeitigem Wegfall von Planstellen. Seit Mitte der Nullerjahre ächzen insbesondere die Fernsehredaktionen unter Vorgaben für Zuschauerquoten, gefolgt von Forderungen nach einer „Verjüngung“ des Programms und der Verordnung zur Sichtbarkeit in den Sozialen Medien.

Die damit verbundenen Programmreformen erfolgten gewissermaßen per Dekret, ohne die Mitarbeiter umfassend einzubeziehen. Durch diffuse Ansagen wurden Redakteurinnen und Redakteure zu verunsicherten, unzufriedenen Semiprofessionellen. Der auf ihnen lastende Druck kehrte bei manchen wohl mehr und mehr ihre Launen heraus und ließ die Sehnsucht nach Brückentagen wachsen. Bei anderen förderte er die Emigration ins Innere. Auch wegen der Nebeneffekte: einem Schwund an Respekt und Wertschätzung im Umgang miteinander.

Der Verlust der Professionalität, die kreative Lähmung und die mangelnde Bereitschaft zur Selbstkritik sind mir mehrfach begegnet. Da wird eine kleine kritische Bemerkung in einer Redaktionssitzung schon mal als „Verrat“ abgekanzelt. Oder Freie erfahren hintenherum, dass sie in der Redaktion dafür bekannt seien, „Widerworte“ zu geben.

 

Journal DJV NRW, 19.10.2018, (online)

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