So wie die Medien nicht einfach lügen, verführen uns die Algorithmen, die „Filterblasen“, wie man lange kritisch sagte, aber auch nicht einfach mit der Unwahrheit. Neben offensichtlich von interessierten Agenten manipulierten Inhalten und KI (wie die gefälschten Pink-Panther-Bilder nun in Frankreich) gibt es unzählige echte Inhalte, die sich zu widersprechen scheinen. Friedliche, demonstrierende Schüler. Eingeschlagene Fenster, geplünderte Geschäfte. Das ist oft weniger ein „Was in Wahrheit passiert“ als ein: „Was auch passiert.“
In der alten Medienwelt wurden solche Ausschnitte moderiert. Auch heute darf kein journalistischer Beitrag es ignorieren, wenn es während einer Demonstration zu Ausschreitungen kommt. In den sozialen Medien hängt mitunter ein Vorhang zwischen den Welten. Es ist völlig unklar, wie sich zwei Menschen über die Wirklichkeit verständigen sollen, wenn sie nur jeweils einen der beiden Ausschnitte gesehen haben. Es fehlt an der Grundlage für ein Gespräch. […]
Das große politische Versprechen der sozialen Medien war einst die Vielstimmigkeit. Die Demokratisierung der Information und Kommunikation. Das funktioniert auch, aber inzwischen funktioniert es zu gut. Es sind heute nicht nur böswillige Akteure, die uns trennen, sondern auch die perfekt auf unsere Bedürfnisse angepassten Feeds. Nur für das menschliche Gehirn gibt es leider kein Update – wir müssen ganz neu lernen, uns über die Realität zu verständigen.
Aurelie von Blazekovic, sueddeutsche.de, 21.10.2026 (online)
