Maus Konzept der Triggerpunkte nutzte auch der Leipziger Medienforscher Dirk Arnold bei seiner empirischen Studie zum „Werte-Framing des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Krise“. Die Anstalten stehen nach Krisen wie der Schlesinger-Affäre unter starkem Legitimationsdruck. Sie müssen „ihrem öffentlichem Auftrag gerecht werden und ihn gleichzeitig als deckungsgleich mit den gesamtgesellschaftlichen Interessen verkaufen“, so Arnold. Wenn es nun bei emotional und politisch-ideologisch aufgeladenen Themen wie gendergerechter Sprache zu Wertekonflikten kommt, müssen sie die „passende Balance zwischen widerstreitenden Anspruchshaltungen finden“. Wie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ÖRR) mit Triggerpunkten in Wertekonflikten umgehen und ihr eigenes Organisationshandeln legitimieren, hat Arnold mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewählter Reizthemen untersucht. […]
Als jüngsten Fall hat der Leipziger Medienforscher die Causa Thilo Mischke untersucht, der ab Januar 2025 die Moderation des ARD-Kulturmagazins „ttt – Titel, Thesen, Temperamente“ übernehmen sollte. Das ttt social team nahm die Kritik der Community an dem durch rassistische und sexistische Äußerungen aufgefallenen Journalisten ernst und beteuerte, dass femistische Perspektiven auch weiterhin unverhandelbare Wertorientierungen der Redaktion sind. In der Kultur-Leitung, die nur auf journalistische Meriten schaute, wollte keiner die Verantwortung für die Personalentscheidung übernehmen. Programmdirektorin Strobl beklagte die Debatte ohne sich inhaltlich zu äußern. Zwei Wochen nach Unterzeichnung des Vertrags mit Mischke löste sie ihn wegen massiver öffentlicher Kritik wieder auf.
Die mangelhafte Krisenkommunikation führt Arnold auf den Umgang mit den unterschiedlichen Wertvorstellungen innerhalb des ÖRR zurück. Er schlussfolgert, man solle die Vielstimmigkeit akzeptieren und die Konflikte nicht leugnen. Es brauche aber ein Verfahren, um zunächst intern „die Stimmenvielfalt zu ordnen und zu orchestrieren“.
M(verdi), 01.04.2025 (online)