In all diesen Jahrhunderten bedeutete Filtern nicht die Vorstellung einer vollkommen beherrschten Welt, sondern eine Form des Umgangs mit ihr – ein pragmatisches Arrangieren mit den Trübungen des Lebens. Diese Form des Filterns blieb so lange stabil, bis die Industrialisierung selbst die Bedingungen des Lebens radikal veränderte. […]
Es ist der Beginn der großen Hygiene-Bewegung des 19. Jahrhunderts und gleichzeitig die Geburtsstunde des Filters, wie wir ihn heute kennen. Wir filtern nicht mehr das Lebensnotwendige aus einer wilden Umwelt heraus, sondern versuchen das Schlechte aus einer Welt zu sieben, die wir zuvor selbst kontaminiert haben. […]
Wenn wir heute filtern, geht es längst nicht mehr nur um Klarheit, sondern um Weltdeutung. Abweichende Meinungen, sperrige Lebensentwürfe, unbequeme Wahrheiten, … alles, was nicht in unser persönliches Ordnungssystem passt, bekommt im Namen der Reinheit den Stempel „toxisch“ und landet im Müll.
Allein die Tatsache, dass der Begriff „toxisch“ aus dem medizinischen Kontext in den alltäglichen Diskurs gewandert ist, zeigt, wie stark sich die Grenzen dessen verschoben haben, was wir noch als zumutbar empfinden. Sobald etwas unsere Ordnung stört, versuchen wir nicht mehr, das Schlechte vom Guten zu trennen. Wir markieren das Ganze als ungenießbar. Was einst als hygienischer Schutz vor Krankheitserregern begann, prägt inzwischen unsere Beziehungen, unsere Sprache und unsere Vorstellung davon, was in unserer Welt noch Platz haben darf.
Liv Apollonia Scharbatke, Deutschlandradio, 23.08.2026 (online)

