Wenn man aufs Vorführen und In-die-Ecke-Drängen verzichtet, sich stärker auf das Zuhören konzentriert, erscheint man vordergründig unkritischer und erweckt leichter den Eindruck, Inakzeptablem eine Bühne zu bieten. Andererseits ist dieser Effekt beim Vorführen und In-die-Ecke-Drängen ja eigentlich noch viel stärker, zumal in einem allgemeinen Klima der tiefen Skepsis gegenüber allem politisch Etablierten. Trump und Co. gibt man so schließlich die Chance, sich als unfair behandelte Underdogs zu inszenieren, denen vom Publikum in der Regel ja automatisch mehr Sympathie entgegengebracht wird als dem energischen Platzhirsch, der eher als doofer Besserwisser wahrgenommen wird.
Wenn man das Gespräch dagegen ideologisch offener und expliziter anlegt, kann klarer werden, was die Fragenden wirklich antreibt. Ganz abgesehen davon, dass es bei diesem Ansatz auch unter den Demokraten wieder leichter würde, deutlich zu machen, wie weit sie weltanschaulich und normativ auseinanderliegen: Ob ihnen also im Zweifel Freiheit oder Sicherheit wichtiger ist. Oder Vielfalt oder Tradition. Wie sie es mit der Religion halten. Und der Familie. Und der Sexualmoral. Und den Geschlechtern. Und der Emanzipation der Frauen. Und der Männlichkeit. Und den Minderheiten. Und so weiter. Die gesellschaftlichen Gräben sind da bedauerlicherweise viel tiefer, als es in der jüngeren Vergangenheit vielen klar sein musste. Gnädige Unschuld des Erfolgs.
Natürlich klingt das ziemlich anstrengend. Es könnte aber einen wunderbar zivilisierenden Effekt haben: An die Stelle der so erschreckend weitverbreiteten Enttäuschung über die vermeintlich gebrochenen Versprechen der liberalen Demokratie könnte ein neues Bewusstsein über eine vergessene Pointe der liberalen Demokratie treten: dass man in ihr nicht nur die nervigen und falschen anderen aushalten muss, sondern auch selbst ausgehalten werden muss.
Jens-Christian Rabe, sueddeutsche.de, 09.01.2026 (online)

