AfD auf allen Kanälen: Wenn sich die politische Öffentlichkeit ständig um Figuren der radikalen Rechten dreht, verliert die offene Gesellschaft. Das zeigt ein Blick in Länder, die uns in dieser Erfahrung voraus sind. […]
Es wäre kühn, eine direkte Linie von der Fernsehkarriere des Vaters zum möglichen politischen Erfolg der Tochter zu ziehen. Aber der Umgang mit dem Front National und seinen Themen ist ein gutes Beispiel dafür, wie riskant die Vorstellung sein kann, man müsse extreme Positionen nur oft genug öffentlich konfrontieren, damit sie an Wirkung verlieren. […]
Schließlich gibt es auch in Deutschland ein falsches Verständnis journalistischer Fairness. Man kann über alles berichten, in einem redaktionell gestalteten Format, aber es gibt keine Pflicht dazu, jemanden live und ungefiltert zu Wort kommen zu lassen. Faustregel: Niemanden einladen, der, sollte er oder sie an die Macht kommen, genau dieses Format, diesen Sender abschaffen wird. […]
Der wesentliche, beinahe heilige Auftrag eines journalistischen Mediums ist Aufklärung, also die gemeinsame Annäherung an überprüfbare Wirklichkeit. Ein rechtsradikaler Politiker ist daran nicht interessiert. Ihm genügt schon die Aufmerksamkeit, denn die wahren, konkreten Pläne bleiben besser im Verborgenen. […]
Die offene Gesellschaft kann also gleich zweimal verlieren, wenn sich die politische Öffentlichkeit ständig um Figuren der radikalen oder extremen Rechten dreht. Zum einen kann sie Menschen berühmt machen, die das besser nicht sein sollten. Zum anderen, und das ist langfristig folgenreicher, breiten sich ihre Themen aus. […]
Eine offene Gesellschaft sollte nicht jene auf die Bühne bitten, die ihre Institutionen und Regeln beseitigen wollen. Sonst ist es, als wolle man mit einer Kerze nachsehen, ob das Benzinfass leckt.
Nils Minkmar, sueddeutsche.de, 21.08.2026 (online)

