Algorithmen entscheiden längst mit, welche Informationen Bürger erreichen – und welche unsichtbar bleiben. Wer Pressefreiheit nur als Schutz vor dem Staat versteht, hat die eigentliche Machtverschiebung unserer Zeit noch nicht begriffen. […]
Ob verlässliche Informationen ihr Publikum erreichen, entscheidet immer seltener eine Redaktion und immer öfter ein Algorithmus.
Denn wer heute nach Informationen sucht, erhält häufig nicht mehr eine Liste von Quellen, sondern Zusammenfassungen, Empfehlungen oder fertige Antworten. Damit entscheiden digitale Systeme mit, welche Inhalte sichtbar werden. […]
Pressefreiheit war immer ein Instrument gegen Machtkonzentration. Im analogen Zeitalter war diese Macht staatlich, im digitalen ist sie privat und algorithmisch. Wer das ignoriert, verteidigt nicht die Pressefreiheit, sondern die Freiheit weniger Konzerne, die Informationsordnung nach eigenen Maßstäben zu gestalten.
Nicht jede Regulierung stärkt die Pressefreiheit. Aber die bloße Abwesenheit von Regeln garantiert noch keine Freiheit. Die Pressefreiheit des 21. Jahrhunderts muss Journalismus weiterhin vor staatlicher Kontrolle schützen – und zugleich sichern, dass weder staatliche noch private Macht darüber entscheidet, welche Informationen Bürger erreichen – und welche unsichtbar bleiben.
Christian Mihr, faz.net, 22.06.2026 (online)

