Zitiert: Über-Analyse im Politikjournalismus

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Kenner vor lauter Kenntnis ihres Gegenstands manchmal die größeren Zusammenhänge aus dem Blick verlieren. Das gilt so mit Sicherheit für viele Hardcore-Kenner deutscher Innenpolitik. Es scheint oft, als sprächen sie dem politischen Personal dieses Landes jegliche moralische Überzeugung ab. Alles betrachten sie immer nur aus dem Blickwinkel, ob etwas ein guter taktischer Move war, um Wählerstimmen zu gewinnen. Stets analysieren sie nur das parteipolitische Kalkül. Überhaupt wird ständig alles über-analysiert. Kein Wunder, dass Politiker im Grunde nichts mehr sagen. Und erst dann in der Öffentlichkeit Kontur gewinnen und so etwas wie eine eigene Stimme, eine eigene Persönlichkeit zeigen, wenn sie aus irgendeinem Grund ihre Machtposten verlassen haben. Kein Wunder, dass es, oft beklagt, nicht mehr so viele große Persönlichkeiten im Bundestag gibt. Wer möchte bei dieser Art der Beobachtung der hochnäsigen Besserwisserei fachsimpelnder Experten, die selbst im meinetwegen inbrünstigen Protest gegen den Faschismus müde lächelnd nur Kalkül sehen, noch Politiker sein?

Johanna Adorján, sueddeutsche.de, 08.10.2026 (online)

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Zitat der Woche
Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
Out of Space
Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)